Steine auf dem Küchenbord.

niemals gewalt

 

Vor einigen Tagen hat ein schlimmer Mensch einen Artikel geschrieben und online gestellt in dem er dafür plädiert das Eltern durchaus ihre Kinder züchtigen sollen.  Er spricht von  „Ohren langziehen“ seines Sohnes.

Er meint: körperliche Züchtigung über die sein Sohn ganz gewiss nicht lacht und in ein paar Jahren wird ihm vermutlich klar, dass das was sein Vater ihm antat kein Erziehungsmittel ist, sondern schlicht und ergreifend Gewalt. Wenn er viel viel Glück hat, kann er seinem Vater irgendwann verzeihen (mit Hilfe eines Therapeuten) und schwört sich bei seinen Kindern alles anders zu machen, und macht es dann auch.

Wenn es (der Statistik nach leider warscheinlicher) anders verläuft, dann kommen erst innerfamiliäre Probleme, bis er selbst zum gewalttätigen Vater wird und das ganze wiederholt sich aufs neue. Ein warlicher Teufelskreis.

Ich möchte nicht darauf verlinken, wer googelt wird den Artikel finden, denn dieser Autor/Mensch/Vater hat es einfach nicht verdient noch mehr Aufmerksamkeit für seinen gewaltverherrlichenden Artikel zu bekommen, genauso wie die Seite auf der er es publiziert hat. Jeder Klick schönt die Statistik dieser Seite und generiert wohlmöglich noch Werbeeinnahmen. Das will ich nicht unterstützen.

 

Steine auf dem Küchenbord.

 

Abschließend möchte ich mein großes Vorbild – Astrid Lindgren- zitieren. Das Zitat ist nicht vollständig und kommt aus einer längeren Rede „Niemals Gewalt“, welche sie vortrug als sie 1978 den Friendespreis des Deutschen Buchhandels entgegen nahm. Diese legendäre Rede findet ihr hier: klick.

 

[…]  „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“, hieß es schon im Alten Testament, und daran haben durch die Jahrhunderte viele Väter und Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die Rute geschwungen und das Liebe genannt. Wie aber war denn nun die Kindheit aller dieser wirklich „verdorbenen Knaben“, von denen es zur Zeit so viele auf der Welt gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker, dieser Menschenschinder?
Dem sollte man einmal nachgehen.

Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den meisten von ihnen auf einen tyrannischen Erzieher stoßen würden, der mit einer Rute hinter ihnen stand, ob sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken, Bloßstellen, Angstmachen bestand.

In den vielen von Hass geprägten Kindheitsschilderungen der Literatur wimmelt es von solchen häuslichen Tyrannen, die ihre Kinder durch Furcht und Schrecken zu Gehorsam und Unterwerfung gezwungen und dadurch für das Leben mehr oder weniger verdorben haben. Zum Glück hat es nicht nur diese Sorte von Erziehern gegeben, denn natürlich haben Eltern ihre Kinder auch schon von jeher mit Liebe und ohne Gewalt erzogen. Aber wohl erst in unserem Jahrhundert haben Eltern damit begonnen, ihre Kinder als ihresgleichen zu betrachten und ihnen das Recht einzuräumen, ihre Persönlichkeit in einer Familiendemokratie ohne Unterdrückung und ohne Gewalt frei zu entwickeln.

Muss man da nicht verzweifeln, wenn jetzt plötzlich Stimmen laut werden, die die Rückkehr zu dem alten autoritären System fordern? Denn genau das geschieht zur Zeit mancherortens in der Welt. Man ruft jetzt wieder nach „härterer Zucht“, nach „strafferen Zügeln“ und glaubt dadurch alle jugendlichen Unarten unterbinden zu können, die angeblich auf zuviel Freiheit und zuwenig Strenge in der Erziehung beruhen. Das aber hieße den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den Generationen.

Möglicherweise könnte diese erwünschte „härtere Zucht“ eine äußerliche Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden. Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt – so wie es von jeher gewesen ist.

Nun mögen sich viele Eltern beunruhigt durch die neuen Signale fragen, ob sie es bisher falsch gemacht haben. Ob eine freie Erziehung, in der die Erwachsenen es nicht für selbstverständlich halten, dass sie das Recht haben zu befehlen und die Kinder die Pflicht haben, sich zu fügen, womöglich nicht doch falsch oder gefährlich sei.

Freie und un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen.

Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden. Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.

Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“.

Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“

Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, „Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“

Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: „NIEMALS GEWALT!“

Ja, aber wenn wir unsere Kinder nun ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht, das in ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, das gleichfalls geändert werden muss, soll es Frieden geben. Aber in dieser unserer Gegenwart gibt es – selbst ohne Krieg – so unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden, und das bleibt den Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören und lesen es täglich, und schließlich glauben sie gar, Gewalt sei ein natürlicher Zustand.

Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben gibt?

Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder:
NIEMALS GEWALT!“

 

Abgedruckt in :
„Astrid Lindgren“ Ansprachen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
(ISBN 978-3765708206)

„Astrid Lindgren“ von S. Gräfin Schönfeldt,
(ISBN 978-3499503719)

 

 

 

By | 2017-06-25T17:03:18+00:00 2. Dezember 2014|Categories: Familienleben, Ich schreibe|8 Comments

About the Author:

Katarina (32) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und Instagram.

8 Comments

  1. Can 2. Dezember 2014 at 13:20 - Reply

    Hallo Katarina,

    ich hatte noch zu meiner Studentenzeit einmal eine interessante Unterhaltung mit einem Kommilitonen. Ich verstand mich prächtig mit ihm und viele Nachmittage verbrachten wir gemeinsam. Ich weiß gar nicht mehr wie wir auf das Thema kamen – aber irgendwann ging es um Gewalt in der Familie. Er erzählt mir dass sein Vater ihn schlägt (oder früher geschlagen hat). Allerdings meinte er, er fände es ok. Denn er habe dann auch immer etwas falsches oder schlimmes getan und es sich verdient.
    Das konnte ich so gar nicht mit meinem Weltbild vereinen. Ich selbst habe nie Gewalt in der Familie erlebt. Und ich dachte, dass Kinder, denen schlimmes von Vater oder Mutter zugefügt wird, später einmal wissen, dass es nicht in Ordnung sei. Und plötzlich habe ich jemanden vor mir sitzen, der ganz nüchtern und trocken erzählt, dass es schon in Ordnung und auch immer völlig berechtigt gewesen sei. Ich konnte es nicht fassen! Es passte auch gar nicht zu seinem Charakter. Ich bin mir sicher, dass auch er irgendwann eine eher niedrige Hemmschwelle haben wird seinen eigenen Kindern gleiches anzutun.
    Ich bin überzeugt davon, dass Kinder immer das als schlimm empfinden, was ihnen als Schlimmstes bekannt ist. Man sagt ja auch dass es schwarz nur geben kann, wenn es weiß gibt. Dem eigenen Kind keinen Gute-Nacht-Kuss zu geben (und selbst das würde ich bei unserem Sohn nicht übers Herz bringen) kann den gleichen Effekt haben wie es zu schlagen. Einfach wenn es nichts schlimmeres kennt.
    Ich werde es nie verstehen, wie man seinem eigenen Kind etwas antun kann. Und ich werde es nie verstehen, wenn jemand der so etwas mitbekommt, nicht direkt das Jugendamt informiert.

    Grüße
    Can

  2. Tina 2. Dezember 2014 at 14:33 - Reply

    Dieses Thema fasziniert mich immer. Ich habe keine eigenen Kinder aber sehr viele Kinder um mich herum. Komme ursprünglich aus Niedersachsen (hallo liebe Nachberin! 🙂 ) aber wohne seit 18 Jahren in Schweden. Darum hat es mir das Herz gewärmt daß Du Astrid Lindgren zitiert hast. Das Interessante an der Sache ist daß „barnaga“, also das Schlagen eines Kindes zu „erzieherischen Zwecken“ seit 1979 in Schweden gesetzlich verboten ist. Schweden war damit das erste Land der Welt mit so einem Gesetz! In Deutschland gilt dies seit 2000 auch, obwohl die Formulierung nicht ganz eindeutig ist: http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperstrafe#Elterliches_Z.C3.BCchtigungsrecht. Meine Interpretation: Ich kann also in Schweden jemanden anzeigen der sein Kind züchtigt, in Deutschland „mische ich mich ein“.

    Ich sehe das Ganze mit meinen schwedischen Augen und bin immer geschockt wenn ich in Deutschland bin und sehe wenn jemand sein Kind am Arm reißt oder sogar schlägt. Das bin ich von hier einfach nicht mehr gewöhnt.

    Ach ja, und völiig OT – habe mich seit ich Deinen Blog lese immer gefragt warum Mr. Strandfynd denn Mr. Strandfynd heißt 🙂 Magst Du es verraten?

    • Katarina 2. Dezember 2014 at 14:58 - Reply

      Hej Tina,

      Das schwedische Gesetz kenne ich auch und finde es toll. Einfach weil es sicherstellt das man als „Anzeiger“ nicht „sich einmischt“ sondern eine Straftat anzeigt, wie man auch einen Banküberfall oder einen Autodiebstahl anzeigen würde. Eine Straftat eben. Die genauso strafwürdig ist, wie ein Mord oder (grade in Deutschland wieder aktuell) „Prügelattacken“.

      Ich liebe seit meiner Kindheit Schweden und mit Schweden Astrid Lindgren. Irgendwann war ich dann nicht nur an den Bullerbü Geschichten interessiert, sondern auch an der Person Astrid Lindgren und was ich da fand, war noch viel interessanter als die reine Autorin. (Aber vermutlich verstehst du mich da.)

      Mr. Strandfynd heißt Mr. Strandfynd weil ich bevor ich Kinder hatte, auch schon im Internet unterwegs war. Damals unter dem Pseudonym „Miss Strandfynd“. Als dann Mr. Strandfynd hinzu kam, war es klar das er „Mr. Strandfynd“ werden würde. (Abgesehen davon mag ich Strandfynd eben auch. Also das Wort..)

      • Tina 2. Dezember 2014 at 15:43 - Reply

        Weiß genau was Du meinst, „världens bästa Astrid“ (die beste Astrid der Welt) wie sie hier in Schweden genannt wird war schon eine tolle Person und Persönlichkeit!

        Aha! Dann hätte ich also fragen sollen wie DU auf Strandfynd gekommen bist. Ich dachte daß Mr. Strandfynd vielleicht Schwede wäre 🙂 Aber so liegt es also nur an Deinem Schwedenintresse, oder? Wart ihr mit der Family schon mal zusammen in Schweden? Meine Eltern (die zwischen Bremen und Hannover wohnen) haben ein Ferienhaus bei uns in der Nähe (Jönköping) das man mieten kann 😉

  3. Herzmutter 2. Dezember 2014 at 17:34 - Reply

    Ein sehr schöner Text und die Geschichte mag ich auch, habe ich schon mal gelesen 🙂 Es ist echt schockierend was da neuerdings durch die Presse geht und viel schockierender finde ich die vielen bejahenden Kommentare unter den Texten oder bei Facebook – es gibt so viele, die Gewalt verharmlosen und sich auf die Schulter klopfen. Allein sein Kind zu beißen nur weil es einen im Affekt gebissen hat… erm… überhaupt keine Ahnung von der kindlichen Entwicklung. Furchtbar.

    Liebe Grüße, Janina

  4. Mama notes Blog 2. Dezember 2014 at 19:18 - Reply

    Ich mag diese Rede auch sehr und habe sie letztens original von der besten Astrid der Welt (<3) gehört, als sie den deutschen Bücherpreis bekam. Wisst Ihr, dass sie sich richtig durchsezten mußte, damals? Man wollte Ihr die Rede mit ihrer Haltung gegen jegliche Gewalt an Kindern eigentlich verbieten. Sie hätte aber dann einfach den Preis nicht entgegen genommen. Darauf wollte man dann doch nicht verzichten und Astrid Lindgren durfte die Rede halten.

    Was ich zu diesem österreichischen Journalisten sagen kann, habe ich in mehrfachen Tweets am Abend meiner Entdeckung kundtgetan. Ich bin immer noch fucking-fassungslos und eigentlich fällt mir gar nicht so viel dazu ein. NIEMALS sollte ein Kind geschlagen werden, schon gar nicht zu erzieherischen Zwecken. Was für ein Gehorsam soll dem Kind da eingetrichtert werden?
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Text aus Klick-Gründen veröffentlicht wurde. Zwar ist die Entschuldigung des Blatts im Wortlauf ok, aber sie sind ja leider für ihre katholisch-konservative Haltung bekannt.

  5. JesSi Ca 2. Dezember 2014 at 20:34 - Reply

    Mir krümmt sich bei solchen Artikeln immer der Margen zusammen, allein weil ich weiß wie schwer es ist, diesen Teufelskreis zu durchbrechen…. ich will nicht erziehen wie ich erzogen wurde und glaube genau da den Punkt meines Perfektionismusses gefunden zu haben.
    Leider haben nicht alle Menschen die Kraft und ich kann sagen – das ist schwer. Aber egal wie schwer es ist, man MUSS diese Kraft haben!!!!!

    Keine Ausrede, keine Entschuldigung, kein Bitten – nichts kann das wieder gut machen, wenn das Urvertrauen gestört wurde!!!

    Ausreden zählen nicht, denn wir wollen so zivilisiert sein, dann benehmen wir uns bitte auch so!!

    Liebste Grüße
    JesSi Ca

  6. Mama Motte 3. Dezember 2014 at 19:39 - Reply

    Ein toller Artikel! Ich bin ebenso schockiert über diese. – und jegliche Artikel gleicher Art. Eigentlich möchte ich dem gar nicht so viel Aufmerksamkeit schenken, weil diese Mensch sie nicht verdient! Ein Kind zu schlagen, zu misshandeln, zu erniedrigen oder sonstwie zu missbrauchen ist armselig und es gibt keine einzige Strafe der Welt die hart genug für den Täter wäre.

    Mich hinterlassen solche Artikel immer mit viel Wut, Verzweiflung und gleichzeitig Hilflosigkeit, weil ich weiß, dass ich nicht all die armen Kinder retten kann, die jeden Tag leiden müssen!

    Aber hinschauen und handeln wenn uns etwas auffällt- das können wir zumindest!

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