Ist Vereinbarkeit eine Lüge?

Ich habe mich letztens mit einer Freundin aus unserer ehemaligen Delfigruppe unterhalten. Sie hat drei Söhne. Einer geht schon in die Grundschule, die anderen beiden in den Kindergarten.

Sie selbst hat lange sehr erfolgreich in einer großen Firma gearbeitet, diese ging ins Ausland. Der Chef fragte sie ob sie mit will. Wollte sie nicht, denn ihr Mann hat einen so tollen Job bei einer anderen großen Firma hier in Hamburg. Sie kündigte und blieb zu Hause. Nichts mit Vereinbaren der Work-Life-Balance mit Kind.

Das passte, denn sie war zufälligerweise grade schwanger mit Kind Nummer 3.
Nummer 3 wurde größer und größer. Er geht jetzt in den gleichen Kindergarten in dem schon seine beiden Brüder waren.
Meine Freundin ist sehr engagiert. Im Kindergarten ist sie Elternbeiratsvorsitzende, organisiert die Kinderkleidermärkte im Frühjahr und im Herbst, und ist in ungefähr alles involviert was sie in so einem Kindergarten machen kann. Nebenbei ist sie Elternsprecherin in der Schule ihres Ältesten. Sie weiß ungefähr alles was Kinder in unserem Dorf betrifft, sei es welche Schule welche Probleme hat, wo was gebaut werden soll und so weiter. Sie ist einfach super informiert, weil sie so engagiert ist.

Inzwischen geht ihr jüngster auch in den Kindergarten. Ich stellte die Frage aller Fragen:
„Und? Gehst du wieder arbeiten? Ist da was geplant? Ich meine deine Firma ist im Ausland…“ und sie antwortete mir:“ Nein, im Moment nicht. Denn ich bringe den jüngsten morgens gegen 8:00 Uhr in den Kindergarten, komme dann heim, mache den Haushalt, und um spätestens 11:30 Uhr steht der älteste auf der Matte weil die Schule aus ist. Dann muss noch Mittagessen gekocht werden, und der Kleine und der Mittlere aus dem Kindergarten abgeholt werden. Hausaufgaben müssen gemacht werden, für Schulaufgaben gelernt und nachmittags geht es zu Fußball oder die Jungs haben sich mit anderen Kindern zum Spielen verabredet. Das sind normale Tage. An anderen fällt hier Unterricht aus, ist da ein Kind krank oder wir müssen Nachmittags zum Kinderarzt oder einem anderen Termin. Dann gibt es die Schulferien, Kita Schließzeiten und Schulausflüge an denen die Kinder anders als besprochen nach Hause kommen.
Selbst wenn das alles nur die Ausnahme wäre, welcher Arbeitgeber soll mich denn da einstellen? Von 9:00-10:00 Uhr, damit ich produktiv arbeite?“

Eine andere Lösung bei diesem „Mehrkindproblem“ ohne Großeltern in der Nähe sehe ich auch nicht. Man könnte jetzt sagen: Wieso macht ihr Mann nicht weniger damit sie mehr arbeiten kann?

Ich habe sie bisher nicht gefragt wieso sie dieses Modell nicht gewählt haben, aber ich nehme mal an dass sie in keiner Teilzeitstelle so viel verdient hätte wie er bei der Firma mit dem großen „A“ hier in Hamburg. Sie muss die Anfahrtszeiten zum Job ja noch dazurechnen, genauso wie ich weiß dass er auf Dienstreisen gehen muss. Wie sollte das denn gehen, drei Kinder, ein Teilzeitjob außer Haus und dann ist der Mann länger auf Geschäftsreise?

Vielleicht aber auch ist das einfach nicht ihr Lebensmodell. Vielleicht findet sie das völlig gut so wie es ist. Und ich finde es auch völlig in Ordnung so. Dennoch frage ich mich wie das in anderen Familien läuft. Das muss  immer ein „spitz auf Knopf“ gestricktes Modell sein, in dem niemand krank werden oder ausfallen darf, oder?
Wie bekommt ihr die Kinderbetreuung zum Beispiel in den Ferien hin? Oder wenn die Schule ausfällt oder der Kindergarten zu hat?


vereinbarkeitBeim Family Event des Coca-Cola Happiness Instituts stellten wir in der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ Denkrunde auch fest, dass diese Vereinbarkeit wohl ohne ein Umdenken nicht geht.

Ich füge hinzu, dass ich denke dass dafür nicht nur ein gesellschaftliches Umdenken notwenig ist: sondern auch das sich die Betriebe in denen Menschen mit Kindern arbeiten daran anpassen sollten, dass die Arbeitnehmer eben nicht nur fleißige Arbeitsmaschinen sind, sondern auch Menschen.
Diese Menschen arbeiten nachweißlich besser wenn sie sich keine Sorgen darum machen müssen, wegen ihrer Familie die Arbeit zu verlieren. Haben Sie diese Angst im Übermaß, arbeiten sie schlechter und werden krank. Maschinen muss ich warten und bei Arbeitnehmern dürfen wir nicht vergessen den Mensch zu sehen.

Das Problem meiner Freundin ist nicht so sehr ihr Arbeitgeber, sondern wieder die Kinderbetreuung an der auch wir „scheitern“. Staatlich finanzierte Kinderbetreuungseinrichtungen die rund um die Uhr am Tag geöffnet haben. Die sie nutzen darf wie es der Arbeitsvertrag sagt. sie braucht 8-12:00 Uhr? Bekommt sie! 20:00-10:00 Uhr? Aber gerne. Flexible Kinderbetreuungszeiten die flexibel an Arbeitszeiten angepasst werden können.

Das wäre doch mal was.