Freiheit

„These are the days we will never forget, these are the days  we won’t regret.“

Freiheit

Endlich war Freitagmittag. Die Hausaufgaben wurden im Eiltempo gemacht, denn um 16:00 Uhr ging es los. Auf Fahrt. Ich war so um die 12,13, 14,15,16 Jahre alt.

Der Rucksack (ich hatte nie einen Affen) wurde gepackt mit den Dingen die ich fürs Wochenende brauchen würde: Unterwäsche, Socken, Haarbürste, Waschlappen, Handtuch, Taschenlampe, Naschkram, Pflaster, Feuerzeug, Besteck, Schlafsack. Außen an den Rucksack wurde dann der Koschi gebunden, welcher gerne (je nachdem wie man das ganze befestigt hatte) gerne mal beim Laufen/Radfahren ständig gegen das Beil schlug und man hatte dann unter Umständen stundenlang ein Klong-klong-klong im Ohr. Wenn alles fertig gepackt war, dann schnell ins Klufthemd geschlüpft und entweder einen schwarzen Rock oder schwarze Jeans angezogen, das Halstuch noch eimal neu gebunden und endlich ging es los.

Am Pfadfinderheim bekamen wir dann meistens jeder noch eine Kothenbahn (eine Zeltbahn der Kothe) aufs Auge gedrückt die wir meist noch um den Rucksack wickelten. „Ich will das nicht„, habe ich in all den Jahren nicht gehört. Gab es nicht. Vermutlich war allen klar das die Kothe/Jurte logischerweise irgendwie mit musste und das es da gar nichts zu diskutieren gibt. Andere bekamen andere Teile der Zeltkonstruktion zu tragen. Dann ging es los. Ganz egal ob Sippen-, Stammes- oder Bundesfahrt.

Ich erinnere mich an eine super Fahrt auf die Hallig Hooge. Dort machten wir eine 24 Stunden Schnitzeljagd, das bedeutete wir liefen in Gruppen von 4-5 Kindern und Jugendlichen über die Hallig und versuchten Rätsel zu lösen. z.B „Bringt dem nächsten Streckenposten einen essbaren Kuchen mit“. Ja, wie das? Wir hatten keinen Supermarkt weit und breit, keinen Backofen, und keine Schüsseln. Also klingelten wir einfach bei Leuten auf der Hallig: „Hallo wir sind Pfadfinder und machen eine Schnitzeljagd. Wir müssen einen Kuchen backen, hätten Sie vielleicht ein paar Eier für uns?“ und die Menschen hatten. Besonders tolle Leute boten uns sogar ihre Küche an und wir konnten unseren Kuchen in der Küche völlig fremder backen.

Bei einer von mir mitgeplanten Sommerfahrt durch Schleswig-Holstein fanden wir einem Ort einfach absolut keinen geeigneten Ort um unsere Kothe aufzubauen, also fragten wir irgendwann Menschen die uns begegneten. Ein Mann sagte: Gar kein Problem! Ich habe einen riesigen Garten, da könnt ihr Zelten. Ich wollte grade los und was zum Grillen besorgen, mögt ihr Chicken Wings? Und dann beherbergte dieser nette Vater uns in seinem Garten und zum Frühstück bekamen wir Holländische Apfelsteusel geschenkt. Ein anderes Mal durften wir auf dem Gelände eines Kindergartens zelten. Wieder ein anderes Mal in einem Tierpark.

Da ein über 18 Jähriger für diese Fahrt ausgefallen war, meldeten wir uns alle 2 Tage mit einem einzigen Handy (2001, waren die schon erfunden) bei ihm und fuhren ansonst 14 Tage völlig unbeaufsichtigt von Erwachsenen durch die Lande. Ich war etwa 16 Jahre alt und eine der Organisatorinnen. Die anderen waren alle jünger.

Bei einer anderen legendären Fahrt ist mir nur noch in Erinnerung das wir ein Spiel spielten, was dadurch gekennzeichnet war das man in Gruppen von etwa 10 Mann durch den Wald rannt und den anderen Gruppen (es gab insgesamt vielleicht 5 Gruppen) eine Art „Schatz“ abjagen musste. Spannend wurde es dadurch das jeder am Arm ein Band hatte, das sein „Leben“ darstellte und nicht vom Gegner abgerissen werden durfte. Natürlich machte es riesigen Spaß mit Gebrüll auf die anderen Gruppen zuzurennen und auf Teufel-komm-raus Bänder abzureißen und gleichzeitig sein eigenes zu verteidigen. Auch bei diesem Spiel gab es Streckenposten (welche immer in Bewegung waren) bei denen man sich ein neues „Leben“ holen konnte. Naja, bis zu dem Zeitpunkt als sich die Streckenposten zusammen taten und plötzlich als eigene Gruppe das Spiel gehörig aufmischten.

Handy? Fernsehen? Pfft!!! Wie langweilig ist das denn, wenn ich grade damit beschäftigt bin die Kothe abzudichten, ein Lagerfeuer zu machen damit wir darauf essen kochen können oder bei Fackelschein stolz als Sippenführerin auf meine Mädels schaue wie sie nach und nach alle ihr Wölflings/Pfadfingerversprechen ablegen und mit leuchtenden Augen ihre entsprechenden Abzeichen entgegen nehmen.

Erwachsene, im Sinne von „Eltern“, ja die gab es. „Schule“ gab es auch. Irgendwo da draußen.

Wir waren frei.

(Zumindest bis Sonntag Abend, wo wir alle dankbar in die Arme unserer Eltern fielen.)

(Und in die Badewanne.)

Freiheit

(1997, völlig ohne Smartphone. Glücklich.)

By | 2017-06-25T17:03:12+00:00 19. Juli 2015|Categories: Ich schreibe|7 Comments

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Katarina (32) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und Instagram.

7 Comments

  1. Frau Mutter 19. Juli 2015 at 20:24 - Reply

    Sehr cool, Pfadfinder sind super!

  2. Bettie vom Frühen Vogerl 19. Juli 2015 at 20:36 - Reply

    Was ist denn ein Affe?

  3. Anna 20. Juli 2015 at 02:04 - Reply

    Das waren wunderschöne Zeiten! Danke für das Erinnerung wecken!

  4. Christiane 20. Juli 2015 at 11:56 - Reply

    Da bekomme ich direkt Lust auf Abenteuer und freue mich jetzt noch mehr, dass wir uns dieses Jahr für einen Urlaub im Zelt mit den Kindern entschieden haben. Das ist für die Kinder viel aufregender.

  5. Anna 24. Juli 2015 at 00:06 - Reply

    Yeah, Pfadfinder!
    Diese Kluftfarbe und das Halstuch kenn ich doch 🙂

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