Okay, die Nachricht tickerte heute durch die Medien, wer es verpasst haben sollte: Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden das das Betreuungsgeld (also das Gesetz dazu) verfassungswidrig ist. Wieso das?

Es gibt Dinge in die sich der Bund nicht einmischen darf, und Dinge in die sich die Bundesländer nicht einmischen dürfen. Die Richter haben nun das Gesetz geprüft und sind zu dem Schluss gekommen das der Bund in diesem speziellen Fall seine Kompetenzen überschritten hat und das Ländersache gewesen wäre. Daher kann der Herr Seehofer nun auch sagen: „Wir zahlen das weiter.“ (Aus Ländergeldern.).

Beifall brandet durch die sozialen Medien, endlich hat sich mal jemand besonnen und die Regierung in ihre Schranken gewiesen. Hurra! Endlich werden Frauen nicht mehr diskriminiert und nicht wieder hinter den Herd gezwungen! Denn Heureka die 150€ Herdprämie fallen weg!

Gebeutelte Frauen fallen ihren Freundinnen in die Arme, Kinder springen jauchzend über die Bürgersteige, die Sonne lacht. Endlich gleichberechtigt! Endlich hat der Ehemann keinen Grund mehr einen für 150€ hinter den Herd zu stellen und so weiter und so fort.

betreuungsgeld, blogprinzessin

 

Meine persönliche Meinung ist folgende:

NATÜRLICH kann sich niemand leisten von 150€ „extra“ im Monat zu Hause zu bleiben.

Die Herdprämie soll die Frau nicht dazu verleiten sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen. Ja…ähh.. nee. Die 150€ halten mich gewiss nicht davon ab wieder in meinem (gelernten) Beruf zu arbeiten, sondern das (veraltete) Betreuungssystem.

Alle gehen gerne einkaufen im Einzelhandel. Klar ich auch. Gerne auch Samstags und bis 22 Uhr. Superpraktisch, solange man nicht selber hinter der Ladentheke steht. Natürlich wollen die Kunden dann auch kompetente Mitarbeiter im Markt finden und nicht den gelangweilten Studenten.

Ja, Kino mit den Mädels. Ladies Night. Magic Mike 2. Superklasse. Ach..Moment…das ist ja Abends/Nachts. Ha! Hätte man sich bei „Ladies NIGHT“ ja denken können. Macht super Spaß, vor allem wenn man derjenige ist der arbeitend im Kino steht. Ja, die Concession kann man super mit Studenten abdecken (oder allen anderen über 18 Jahren. Jugendschutzgesetz!) aber ein richtiger, echter Vorführer vor Ort der weiß was zu tun ist wenn der Server abraucht (oder je nach Lichtspielhaus mal eben einen Film wieder zusammenschneiden kann). Ja der wäre schon klasse.

Hebamme/Arzt/Krankenschwester/Flugpersonal/Notarzt/Notapotheke alles Berufe in denen wir es wirklich zu schätzen wissen wenn wir dort mit echten Menschen reden können, statt mit einer Telefonhotline.

Ist mit unseren Kitas allerdings alles nur schwer machbar. Öffnungszeiten bis maximal 17:00 Uhr. Wer dann nicht auf den Partner, eine Betriebskita oder ortsnahe, nicht arbeitende Verwandte zugreifen kann ist am A**. Das richten auch keine 150€ im Monat. (Bis zum dritten Geburtstag des Kindes, versteht sich.)

Wieso schreien immer alle „Dann müssen die Arbeitgeber bessere Arbeitszeiten vorgeben“ und vergessen dabei wie sehr sie es mögen spät Abends noch ins Fitnesstudio zu gehen , nach der Arbeit im Restaurant bekocht werden wollen oder wirklich dringend noch den Liter Milch kaufen müssen?

Man überlegt sich doch vorher ob man Kinder bekommen will.“ Okay, also sprechen wir allen eben genannten Berufsgruppen einfach mal schnell ihr Recht auf Kinder ab, weil ANDERE gerne bekocht werden wollen.

Die demente Mutter, der schizophrene Vater oder der Sohn mit der Angststörung in der Klinik  alle sollen 24/7  einen Ansprechpartner haben, jemanden der dafür sorgt das es den Angehörigen bestmöglich geht. Den „Luxus“ ja – aber bitte nicht auf die eigenen Kosten, sollen DIE ANDEREN sich doch einen Job suchen der besser zu ihrer abenteuerlichen Familienplanung passt.

Ist es dann die „Herdprämie“ also einfach Frauenfeindlich? Schließlich beantragen doch die meisten Frauen das Betreuungsgeld? Wollen DIE MÄNNER die 50er Jahre zurück?

Wohl kaum. Kein Vater den ich heute kenne möchte mit seinen Kindern und seiner Familie ein Rollenmodell aus dem letzten Jahrtausend leben. Zumindest nicht in jeder Hinsicht.

Könnte es dann daran liegen das Frauen (Westdeutschland) laut einer Studie von 2014 des Statistischen Bundesamtes noch immer etwa 22% weniger verdienen als Männer? Hell yes! Ich denke das ist ein Ansatzpunkt. Vermutlich ist in den wenigsten Familien das Rollenbild so festgefahren, das klassischerweise -egal bei welchem Gehalt- die Frau zu Hause bleiben würde. Sondern einfach das gerechnet wird wer mehr verdient und wer weniger. Ich verdiene weniger als du, wir haben keine Chancen auf einen Kitaplatz weil die Uhrzeiten kacke sind, also bleibe ich daheim. Hätte ich mehr als mein Mann verdient, wäre er logischerweise daheim geblieben.

Die 150€ haben dabei absolut keine Rolle gespielt mich „hinter den Herd zu verbannen“, das war Geld welches wir gerne mitgenommen haben, weil man es beantragen konnte. Weil es die Möglichkeit gab. Derjenige der zu Hause geblieben wäre hätte es beantragt. Mehr nicht.

Und selbst WENN es völlig nachweislich (!!!)  dafür gewesen wäre, das Frauen zu Hause bleiben sollen statt zu arbeiten, auch dann hätten wir es beantragt. Wir hätten den Grund nicht befürwortet, aber JA wir hätten es beantragt weil es ein netter Bonus ist. Keiner von uns ist so ehrenhaft das wir das Geld abgelehnt hätten.

Was hätten wir denn dafür bekommen?

  • Kitaplatz? – Ach..nee…Uhrzeiten und so.
  • Einen gut bezahlten, Spaß machenden Job? – Nee, Kinder sind ständig krank und Eltern unflexibel.
  • Ruhm und Ehre? – Nein. Hätte niemanden gejuckt.
  • Ein Bundesverdienstkreuz für die Familie, welche freiwillig das Geld ablehnt und damit ein Zeichen gegen diese Prämie setzt? -Auch nicht.

Familien wie wir nehmen einfach gerne mit was uns zusteht, weil es dafür passende Gesetze und Regelungen gibt. Kinder sind nachweislich sehr super – aber teuer und die Momente in denen man vom Staat etwas zurück bekommt, dafür das man so nett ist die Gesellschaft zu erhalten sind rar gesäht.

Das eigentliche Problem ist doch nicht ob jemand für hundertfünfzig Euro daheim bleibt! Das ist doch in den seltensten Fällen das Zünglein an der Waage.

Es fehlt ein Umdenken in der Wirtschaft und ein handeln in der Politik, denn irgendwie ist bei der ganzen Arbeitsmarktentwicklung der letzten Jahre das Betreuungssystem auf der Strecke geblieben.

Wieso ich also nichts gegen das Betreuungsgeld habe? Weil ich persönlich davon ein bisschen profitiert habe.

Wer mehr erfahren möchte, wieso ganz umemotional das Betreuungsgesetz vom Beckenrand gesprungen ist, dem empfehle ich den passenden Artikel von meiner Kollegin Juramama.