Tomma ist Inhaberin einer PR-Agentur mit Sitz in Hamburg. Was sie genau den ganzen Tag macht, weiß ich gar nicht. Aber sie selbst würde sich wohl als Schreibtischtäterin bezeichnen. Ich dagegen würde sie als super sympatisches, lachendes Energiebündel beschreiben. So begegnet sie mir zumindest immer bei unseren Hamburger Stammtischtreffen, die wir freundlicherweise in ihren Agenturräumen abhalten dürfen.
Beim letzten Treffen informierte uns Tomma das sie Urlaub machen würde, Urlaub in der Widnis Afrikas.

Natürlich musste ich (Katarina) sie, kaum das sie wieder Boden unter den Füßen hatte, fragen wie es denn nun war zwischen Affen und Geparden….

Vom Schreibtisch in die Wildnis – Erster Teil

Ich bin keine acht Stunden zurück in Deutschland und ich merke schon jetzt, dass dies kein normaler Jetlag sein wird, den ich habe. Es ist weniger die Zeitumstellung, die mir zu Schaffen macht. Was ist schon eine Stunde? Man könne auch sagen: Was sind schon drei Wochen? Doch drei Wochen Namibia und meine Arbeit als Volunteer bei der Harnas Wildlife Foundation haben mich verändert. Mich und mein Blick auf die Welt. Und ich hoffe sehr, ich kann mir vieles davon bewahren und noch mehr hoffe ich, dass ich vieles davon auch weitergeben kann …

Was ich in diesen drei Wochen erlebt habe, lässt sich nur schwer in Worte fassen und so musste ich kurz überlegen, ob ich Katarinas Wunsch nach einem Gastbeitrag überhaupt nachkommen kann. Wie sollte ich in Worte fassen, was  genau mich noch immer sprachlos macht? Wie soll ich die Gefühle beschreiben, die ich hatte, während jede Minute eine andere Grenzerfahrung auf mich wartete? Ob lange Gespräche mit Buschmännern, ihren Ängsten und Träumen, ob der Austausch mit anderen „Volunteers“ aus Israel, Amerika , Südafrika, Dänemark …, oder der enge Kontakt mit Gepard, Affe & Co. Ob körperliche oder psychische Grenzerfahrungen … Aber wer neben Geparden läuft, als sei es die Katze von nebenan, wer die Nachtwache im Affengehege übernimmt, als wären es die Kinder deiner Freundin und wer einer Autopanne mitten in der Wildnis mit einem herzlichen Lachen entgegnet, der sollte es doch auch schaffen, einen Urlaub der etwas anderen Art zu beschreiben …

Auf die Tiere, fertig, los …

Frau schaut auf die Steppe in Afrika

Bildrechte: Tomma Rabach

Bevor ich mich dazu entschied, drei Wochen in Namibia als „Volunteer“ auf der Harnas Farm zu arbeiten, lag ein sehr intensives Jahr hinter mir. Ein Jahr, dass mich in vielerlei Hinsicht an meine Grenzen gebracht hatte. Mehrfach. Gesundheitlich, privat und beruflich. Aber all das führte dazu, mir meinen lang gehegten Traum zu erfüllen, mit wilden Tieren zu arbeiten. Ich fuhr mit gemischten Gefühlen los. Mit gesundheitlichen und beruflichen Ängsten, aber auch einer großen privaten Erwartungshaltung. Und zwar an mich selbst. Angst, ob ich gesundheitlich alles schaffen würde. Angst, ob es der richtige Zeitpunkt sei, mein Team und meine Kunden „allein zu lassen“. Gepaart mit der Erwartungshaltung, wieder die Kraft und die Fröhlichkeit zu finden, die mir im Laufe des Jahres verloren gegangen waren! Sprich: ich wollte endlich wieder ich selbst sein. Ganz einfach, oder?

Was mich an Aufgaben vor Ort erwarten sollte, wusste ich. Ich hatte ausführlich die Webseite studiert, mich mit der Ansprechpartnerin vor Ort ausgetauscht und die Facebookseite über einen längeren Zeitraum aufmerksam gelesen. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, keine Entscheidungen treffen zu müssen, einen geregelten Tagesablauf zu haben, mich führen zu lassen, statt zu führen – und auch bewusst dafür entschieden, im „Urlaub“ zu arbeiten … – unentgeltlich. Für den guten Zweck. Ich wusste, dass ich mich um verschiedene Tiere kümmern würde. Um die Zubereitung ihres Futters, aber auch die Säuberung ihrer Gehege. Auch dass ich direkten Kontakt zu Gepard & Co. haben würde. Dass wir spazieren gehen und ggfs. sogar bei den Tieren übernachten können.Doch all das, was auf mich zukam, hatte ich unterschätzt. Da ist zum einen die unglaubliche Hitze, die jeden Schritt erschwert. Von körperlicher Arbeit für mich Schreibtischtäter abgesehen. Während die ersten Tage zunächst dazu da waren, die Farm und die Tiere mit ihren individuellen Eigenheiten kennenzulernen, ging es aufgrund der geringen Anzahl der aktuellen „Volunteers“ relativ schnell ans Eingemachte.

„Foodprep“? Wer braucht schon eine Einarbeitung, wenn das Board mit all den Tieren deines Teams und den
entsprechendenZutaten an der Wand hängt? Gut, weder stimmten die Tiere, noch waren die Mengen oder Inhalte richtig – aber wie heißt es so schön? Nur wer im kalten Wasser schwimmen lernt, lernt es schnell. Und das tat ich. Nach zahlreichen Jahren als Führungsperson war ich es, die alle paar Minuten fragen musste, ob dieses oder jenes richtig sei – ob auch wirklich kein Tier fehlt, wo das eine und wo das andere auf der großen Farm zu finden sei. Beißen Merkats und kann ich zu Audrey, dem blinden Affen, einfach so rein? Was genau sind Guinea Fowls? Was tun, wenn das Warzenschwein ausbricht und muss ich tatsächlich die großen Affen alleine füttern? In Namibia läuft nicht alles strukturiert, man ist gezwungen immer und immer wieder Fragen zu stellen – auch solche, auf die man selbst nicht kommt. Und man muss sich stets flexibel neuen An- und Herausforderungen stellen. Perfektionismus? Adé. Am Ende des Vormittages hatte ich kiloweise Karotten, Rote Beete, Fleisch, Miliepop, Katzenfutter, Äpfel, Bananen, Eier… geschnitten, liebevoll in Schälchen dekoriert und verteilt. Hatte alte Eimer geschrubbt, Badewannen gesäubert, zahlreiche Gehege gereinigt und bereits jetzt die ersten km hinter mir. Die Säuberung des Geheges war nicht schwer, doch bei ca. 38 °C erscheinen Gehege noch größer, Wege noch weiter und Müllsäcke noch schwerer. Und ich hatte mal wieder aus der anderen Perspektive erlebt, was ich von einem Teamleiter erwarte und hinterfragt, was davon ich selbst in meinem eigentlichen Job erfülle.

Der Kampf zum Glück

Frau und Gepard

Bildrechte: Tomma Rabach

Dann hieß es erst einmal zurück ins Freiwilligendorf – ins Village. Zuhause wäre ich erst einmal unter die Dusche gesprungen – doch Wasser ist auch zu Regenzeiten in Namibia knapp und so war Duschen nur einmal am Tag, und zwar abends, und nur kurz, erlaubt. Geht das Wasser aus, heißt es auch für die Toiletten – Stop! Nur gut, dass wir umgeben waren von Büschen und Bäumen … Knappheit herrscht jedoch nicht nur beim Wasser – auch beim Essen. War ich auf der einen Seite froh, nicht überlegen zu müssen, was und wo ich essen sollte, merkte ich auch schnell die Schattenseiten: Es wird gegessen, was auf den Teller kommt. Aber von jedem nur einen Löffel! Nur, wenn am Ende noch etwas übrig bleibt, rief unsere Village Mom: „Who wants Seconds“? Das Essen war erstaunlich gut und entgegen anderer Meinungen fand ich es stets mehr als ausreichend. Das eigene Essverhalten ändert sich abrupt. Als Genussmensch fehlte mir frisches Obst und Gemüse und vor allem Zeit beim Essen. Das nächste Geschäft war 100 km entfernt und der farmeigene Laden nur einmal in der Woche für 30 min geöffnet. Und es fällt schwer, all das für die Tiere zuzubereiten. Denn die stehen an erster Stelle auf der Farm! Und das ist auch gut so!

Für uns gab es vor allem Fleisch und Nudeln oder Kartoffeln. Beschweren möchte ich mich nicht, denn das Küchenteam sorgte jeden Tag mit viel Liebe und Engagement dafür, dass wir etwas zu essen bekamen. Sie selbst aßen, wenn etwas übrig blieb. Und dann schnell im Stehen, zwischen dem Handabwasch unserer Teller. Unser Koch aß nur einmal am Tag – „nur ein Sandwich“. Das reiche ihm. Er sorgt dafür, dass sein knapp zweijähriger Sohn ausreichend zu essen hat. Da steckt er gern zurück. Schluck! Und so kommen wir am Abend beim Lagerfeuer ins Gespräch. Ich bitte ihn sich zu mir zu setzen. Es braucht mehrere Anläufe, denn normalerweise sitzen Buschmänner und „Weiße“ scheinbar nicht an einem Tisch. Für mich absurd. Warum gibt es solche Klassenunterschiede? Kommt es nicht darauf an, ob man sich mag?

Doch beide Seiten halten an ihren vermeintlichen Vorurteilen fest und so wird es sicherlich noch einige Generationen mehr dauern, bis sich dies ändern wird. Johannes (29) wohnt mit seiner Freundin und seinem Sohn im Buschmann-Dorf direkt angrenzend zur Farm. Zu dritt wohnen sie in einem Zimmer auf weniger als acht qm – wenn es denn überhaupt so viele sind. Sein Sohn hat einen Ball als Spielzeug. Er selbst träumt davon, Arzt zu werden, doch seine Eltern seien arm und deshalb kann er sich das Studium nicht leisten. Als ich ihn frage, was es kostet, verschlägt es mir die Sprache: Ca. 350 EUR! Ich schlucke erneut.
Ich habe nicht verstanden, ob das Geld für ein Jahr wäre oder für das komplette Studium. Beides ist für mich unvorstellbar, es nicht möglich machen zu können. Er arbeitet mit soviel Herzblut. Er steht um 5 Uhr auf und seine Arbeit endet erst am späten Abend. Das gilt auch jetzt, an Weihnachten. Mittags hat er kurz Zeit seinen Sohn zu sehen. Und er kann sich keine 350 EUR leisten? Das Gespräch ist nicht zu beschreiben. Es ist die Art, wie er spricht, wie seine Augen leuchten, wenn er von seinem Traum spricht.

Es ist der Stolz in seiner Stimme über das, was er bisher in seinem Leben erreicht hat und wie sehr er dafür kämpft, seinem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen. Es ist das Leuchten in seinen Augen, wenn er von seinem Sohn spricht. Und von seinem kleinen Bruder. Nicolas (19) sitzt neben ihm. Auch er arbeitet auf der Farm. Als ich sie frage, ob dieser Familienzusammenhalt typisch für Namibia sei oder etwas Besonderes in ihrer Familie, schauen sich die beiden an und kämpfen mit den Tränen! Sie lieben sich über alles und man merkt es beiden mit jedem Blick, jeder Geste und jedem Wort an. Den Stolz des kleinen Bruders auf den Großen und den unbändigen Zusammenhalt, ein Band, wie es ihn nur in einer Familie gibt. Erst gestern hat ihre Schwester auf der Farm ihr Baby geboren. Als ich fragte, wie das wäre – ob dann ein Arzt käme, schauen sie mich erstaunt an! Ihre Eltern sehen sie einmal alle zwei Monate. Wenn sie frei haben.

Lagerfeuer

Bildrechte: Tomma Rabach

Da sitzen wir also am Lagerfeuer und ich fühle mich auf der einen Seite so gerührt ob ihrer Offenheit und gleichzeitig unglaublich mies. Und ich kämpfe mit den Tränen. Und frage mich, ob ich ihm helfen kann, seinen Traum zu erfüllen. Und was für ein unfairer Teufelskreis es ist, wenn du es trotz harter Arbeit nicht schaffen kannst, aus den armen Verhältnissen herauszukommen. Sie erzählen mir an diesem Abend davon, wie es ist im Busch zu leben und ich fühle mich plötzlich unglaublich naiv. Sie haben einen unglaublichen Wissensschatz über ihre Familienhistorie, über Pflanzen und Tiere, ihr Land … Ihre Mütter und Väter und Großeltern hätten es ihnen erklärt … – und wieder ist dieser unendliche Familienzusammenhalt und Stolz zu spüren. Und das ist es, was wir gemeinsam haben: Für uns ist Familie das Wichtigste, was es gibt auf der Welt und genau das, worum es sich zu kämpfen lohnt. Und zur Familie gehören für mich die besten Freunde dazu. Plötzlich wird mir bewusst, wir sehr ich all das im vergangenen Jahr in den Hintergrund gerückt habe. Wie stets die Arbeit zuerst kam. Ja, ich habe gekämpft dafür, dass ich mir den Lebensstandard leisten kann, den ich nun habe und dass all meine Mitarbeiter am Ende des Jahres trotz agenturtypischer Schwankungen ihren Job haben – aber macht mich das als Privatperson glücklich? Ist es nicht genau dieses Leuchten in den Augen, wenn du über deine Lieblingsmenschen sprichst und an sie denkst, das viel mehr Wert ist, als all das Geld dieser Welt? Ist es nicht der Stolz, den du empfindest, wenn du an deine Eltern, Kinder, Geschwister und Freunde denkst, der dein Herz erfüllt?

Erst ein paar Tage zuvor hatte mir Aune, die liebe Küchenfee, ein Foto von sich und ihrem 10 Monate alten Sohn gezeigt. Als ich fragte, wo er sei, wenn sie arbeitet, sagte sie, er sei im Juni gestorben. Ich erstarre und bin überfordert mit der Situation. Ich frage sie, was passiert sei. Er wäre krank gewesen. So sei das Leben. Und auch wenn ich nicht genau verstand, woran er erkrankt ist, bin ich mir sicher: Wäre er in Deutschland gewesen, würde er heute fröhlich spielen – gesund und munter. In Namibia gibt es für die Buschfamilien nicht „mal eben“ einen Arzt. Sie helfen sich gegenseitig. Der nächste Arzt ist über 100 km entfernt.

Frau und Gepard

Bildrechte: Tomma Rabach

Der Abend am Feuer endet mit einem Lied, einem Abschiedslied, dass Johannes und Nicolas für mich singen: „Goodbye my brothers and sisters …. until the time I see you again …“. Das Feuer ist längst aus, wir sind wieder im Village angekommen. Doch für mich endet der Tag noch lange nicht. Ich liege wach im Bett und werde mir einmal mehr darüber bewusst, was ich für ein unglaubliches Glück im Leben habe und überlege, ob ich das meine Lieblingsmenschen häufig genug spüren lasse.

 

[wc_divider style=“dashed“ line=“single“ margin_top=““ margin_bottom=““]

Liebe Tomma vielen Dank das du dich auf das Abenteuer „Blogpost“ eingelassen hast, ich freue mich schon irrsinnig auf den Rest der Reise. Danke Danke Danke.