Vom Schreibtisch in die Wildnis – Teil Zwei

Gepardenbabys

Bildrechte: Tomma Rabach

Seit 16 Tagen bin ich, Tomma, wieder zurück in Deutschland. Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Harnas denke. An die Menschen, die Tiere und das Leben dort. Und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht all das unglaublich vermisse. 16 Tage sind nicht viel – und doch scheint vieles schon so weit weg. Thorsten, der ebenfalls als Volunteer auf der Farm war, begrüßte mich bei meiner Rückkehr am Frankfurter Flughafen mit „Ach, schlaf ein bis zwei Nächte drüber … Dann wirst du sehen: Es wird nicht besser!“ Und er sollte Recht behalten …

Die (heilende) Kraft der Tiere

Die Tage auf Harnas vergehen wie im Fluge. Und es fühlt sich bereits ab Tag eins so unglaublich normal an, für Gepardenkinder, Affenbabys, Erdmännchen, Löwen, Karakale und Co. zu sorgen. Die Reaktionen von zuhause auf Bilder waren daher zunächst erstaunlich: Ob das nicht gefährlich sei, einfach so ins Gepardengehege zu gehen? Ja, das ist es, und das darf man auch bei den Tierkindern nicht vergessen. Das erlebe ich an einem Nachmittag bei den kleinen Pavianen. Sie waren in Spiellaune, also setze ich mich zu Ihnen ins Gehege. Doch wir hatten unterschiedliche Vorstellungen. Mir war nicht so danach, mir die Unterhose stibitzen zu lassen oder Knöpfe von meiner Hose abzugeben. Doch das „nein“ kam gar nicht gut bei dem eineinhalbjährigen und damit dominantesten Paviankind an. Sie schrie, biss mich und aufgrund meiner fehlerhaften Reaktion ihr gegenüber kamen direkt drei weitere Paviankinder und ließen mich deutlich spüren, dass ich ein absoluter Spielverderber bin. Wahrscheinlich waren es nur wenige Sekunden, doch mir kam dieser Moment wie eine kleine Ewigkeit vor. Ich war in dem Augenblick so geschockt, dass ich nicht wirklich wusste, was ich tun sollte. Der Kopf war leer und ich fühlte mich im Vergleich zu den kleinen Affenkindern noch viel winziger. An diesem Tag ging ich mit einem kleinen Loch im Rücken, einem blauen Fleck am Steißbein, einer lila farbenen Kniekehle und einem blau-grünen Oberarm ins Village zurück. Ich ärgerte mich so über mich selbst. Ich konnte in der Situation nicht klar denken. Die Affen wussten nicht, wie sie reagieren sollten, waren durch mein Verhalten unsicher und hielten dann als Team gegen mich zusammen. Es war eine absolute Schrecksekunde für mich. Mehrere Affen – selbst wenn es noch Affenkinder waren – bissen mich und schrien wie am Spieß. Und schlimmer noch: Sie hatten es geschafft, mich binnen weniger Sekunden klein zu kriegen.

All die Last der letzten Wochen fiel in dem Moment über mich ein und ich sank schließlich weinend im Stuhl vor dem Gehege zusammen. Diese Szene sagte alles. Es waren weniger die Schmerzen, als vielmehr der kurze Schock, und der Ärger über mich selbst, der mir die Tränen in die Augen schießen ließ. Ich hatte so viel Kraft in den vergangenen Monaten verloren, dass selbst „kleine“ Affen es schafften, mich binnen Sekunden komplett aus der Bahn zu werfen. Eine wortwörtlich schmerzhafte Erkenntnis!

Affe auf Frau

Bildrechte: Tomma Rabach

Der Schock saß. Und es dauerte einen Moment, bis ich mich beruhigt hatte. Aber ich wäre nicht ich, wenn diese Situation nicht einen Tag später den Kampfgeist in mir weckte! Und da war er: Der Tiefschlag, den ich scheinbar gebraucht hatte, um verloren geglaubte Kräfte wiederzufinden. Und dem Menschen, der ich eigentlich war, wieder näher zu kommen. Ich nahm mir zunächst einen Tag Auszeit von den kleinen Beißern (manchmal tut ja auch Abstand gut ☺), bevor ich am nächsten Tag mit meinem Team zum Spaziergang mit ihnen aufbrach. Was in der Retrospektive klingt wie „mal eben so“ gemacht, kostete vor Ort die bewusste Entscheidung, die eigene Komfortzone zu verlassen, den Vorsatz, mich nicht von Affen einschüchtern zu lassen, den Willen, die Hürde der Angst zu nehmen und den Mut, den Affen, aber auch meiner Teamleiterin, zu vertrauen.

In freier Wildbahn haben Affenkinder Respekt und sahen mich viel mehr als Rettungsanker und sicheren Pol an, an den es sich im wahrsten Sinne des Wortes zu klammern galt, sobald Gefahr droht. Und so kam auch in mir Stück für Stück wieder die Selbstsicherheit zurück, die ich vermisste. Einige Tage später warteten die nächste Hürde und der Beweis an mich selbst, mich Ängsten zu stellen, und sie zu überwinden. Ich übernachtete mit einem anderen Volunteer im Gehege der Kleinen. Was für ein Anblick! War ich zunächst ziemlich angespannt – ich war ja schließlich in ihrem Revier und an dem Ort, an dem ich das letzte Mal attackiert wurde – ließ das spätestens in dem Moment nach, als die Kleinen voller Spaß meinen Schlafsack erkundeten, rein- und raussprangen, sich versteckten und vor Freude laut quietschten. Bevor sie schließlich auf meinem Arm, an mich gekuschelt und auf meinen Beinen friedlich einschliefen. In ihnen steckte soviel kindliche Lebenslust, soviel Energie und Neugierde und jetzt – in dieser Nacht – eine unglaublich beruhigende Stille ….

Frau kuschelt mit Affe

Bildrechte: Tomma Rabach

Wir zwei Menschen lagen in dieser Nacht lange wach, schauten in den beeindruckenden Sternenhimmel, lachten aus tiefstem Herzen über die mittlerweile schlummernden Paviankinder und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich einen Moment wieder bewusst genießen. Neben mir war eine bis vor einer Woche noch fremde Person, die ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen darf. Eine Freundin aus Isreal – die zuhause ein komplett anderes Leben führt, als ich es tue. Mit ihrem Mann und drei Kindern – in einem Land mit einer völlig anderen Kultur und Sprache. Und doch hatten wir die gleichen Gedanken, Sorgen und Wünsche für die Zukunft. Und sofort die gleiche Ebene. In dieser Nacht atmete ich das greifbare Glück ein und versuchte mich so lange wie möglich wach zu halten. Nur, damit dieser Moment nicht endete. Es waren die Stille, das Leuchten der Sterne, die ehrlichen Umarmungen der Affenkinder und das herzliche Lachen einer mittlerweile sehr lieb gewonnenen Freundin, die mir zeigten, dass gerade ein Moment der Stille soviel Kraft geben kann, dass ich versuchen werde, mir genau solche Augenblicke auch und gerade im stressigen Alltag bewusst zu suchen und zuzulassen! Denn das hatte ich in der Vergangenheit häufig versucht zu vermeiden.

Noch mehr bewusst wurde mir aber auch, dass ich all das nur erlebte, weil ich meine eigene Komfortzone verlassen und über meinen Schatten gesprungen war. Und genau diese Fähigkeit braucht man als Volunteer auf Harnas häufiger! Während ich dort meist gar nicht darüber nachdachte und „einfach machte“ – fällt mir dies in Deutschland schwer. Wir diskutieren viel zu viel, wägen pro und contra ab, schätzen Risiken und Nutzen ein … Das ist als Beraterin ein wichtiger Part meines Jobs. Da fällt es schwer, als Privatperson umzuschalten. Doch nach meinen Erfahrungen mit den Tieren, hoffe ich, das ein oder andere Mal mehr aus diesem Kreis ausbrechen zu können. Und häufiger die eigene Komfortzone zu verlassen. Das erfordert Mut und Vertrauen. Vertrauen in sich selbst. Aber auch in das eigene Bauchgefühl. Und den Mut, nicht immer zunächst darüber nachzudenken, was wohl andere davon halten … Vor allem privat ist das nicht einfach, wo Emotionen stärker regieren als der Verstand. Und in Zeiten, in denen dank Facebook & Co. ein unausgesprochenes Wettrennen um das coolste Leben zu herrschen scheint. Da scheint für Ängste und öffentliche Niederlagen kein Platz. Aber ergeben sich nicht erst dadurch neue Chancen und Erlebnisse? Ich hätte im Vorfeld meiner Namibia-Auszeit nicht gedacht, dass ich wie selbstverständlich mit ausgewachsenen Geparden umgehe, dass ich kleine Affenkinder auf das Leben in der Wildnis vorbereite oder für die Fütterung der Wildhunde Tiergedärme und andere blutverschmierte Innereien und Organe mit bloßen Händen anfasse. Doch auch das hat mich stärker gemacht und mir ein Stück meiner Selbstsicherheit zurückgebracht.

Erst 16 Tage sind vergangen und doch kommt es mir vor, als sei es schon eine viel zu lange Zeit her … Thorsten hatte Recht: Es wird nicht besser. Und so überlege ich jeden Tag, wie ich das Beste aus zwei Welten miteinander verbinden kann. Denn aktuell glaube ich nicht, dass meine Sehnsucht, wieder zurückzugehen, so schnell nachlassen wird und ich frage mich, was genau mich noch immer so fasziniert? Und was es mir zeitgleich das „Ankommen“ in Deutschland erschwert. Denn für immer in Namibia leben möchte ich nicht. Ich mag meine Hamburger „Hood“, meine Freunde und Familie um mich. Doch ich merke, wie schnell ich wieder „gefangen“ bin von altbekannten Denkmustern. Wie es mit jedem Tag schwerer fällt, die Komfortzonen erneut zu verlassen. Und es fällt mir schwer, mich davon zu befreien.

Mit jedem Tag schwindet ein Stück Leichtigkeit. Leichtigkeit, die in Namibia wie von selbst – einfach da ist. Ohne ein bewusstes Zutun. Während ich in Deutschland stark darauf achten muss, mir genau dieses zu erhalten. Und so überlege ich, wie ich zurückfliegen kann – ohne dass ich mein Leben in Hamburg komplett aufgeben muss. Wohlwissend, dass es nicht dasselbe wäre. Denn Harnas lebt auch von den Volunteers. Dem Miteinander und einem komplett anderen Selbstverständnis und einer anderen Erwartungshaltung an sich und andere – nämlich keiner! Und von einem dadurch entstehenden Urvertrauen. Vertrauen in sich selbst!  Doch dazu das nächste Mal mehr …

Zwischen 2 Welten

Ich fühle mich zwischen zwei Welten hin- und hergerissen. Und merke, dass mich vieles viel zu schnell wieder einholt und wie alte Gewohnheiten drohen zur Normalität zu werden. Doch ich versuche jeden Tag bewusst entgegenzusteuern, sofern sinnvoll. Und der Anfang ist gemacht! Denn während ich diesen Beitrag schreibe, hüpfe ich aus meiner Komfortzone raus und setze ein paar lang vor mir hergeschobene Vorsätze in konkrete Pläne um. Schließlich kann ich nicht darüber schreiben, kluge Reden schwingen und dann selbst meinem Rat nicht folgen. Und so habe ich diese Woche wieder mit Gebärdensprachunterricht angefangen. Für mich wöchentliche Auszeiten, in der ich mich in absolut ruhiger Umgebung auf nur eine Sache konzentriere. Ein Part der stillen Momente in Deutschland. Andere stille Momente sind bewusst freigehaltene Tage am Wochenende. Ohne Pläne, ohne Verabredungen. Nur mit Zeit für mich und spontanen Verabredungen – sofern mir danach ist. Oder auch einfach nur bei schöner Musik in Ruhe frühstücken. Für mich. Ohne TV als Ablenkung, ohne Facebook als vermeintliche Interaktion. Und ich werde in Kürze wieder regelmäßig das Tanzbein schwingen. Der Termin ist bereits vereinbart. Und ich freu mich wahnsinnig drauf.

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Liebe Tomma vielen Dank das du dich auf das Abenteuer „Blogpost“ eingelassen hast, ich freue mich schon auf den Rest der Reise. Danke.

By | 2017-06-25T17:03:05+00:00 28. Januar 2016|Categories: Gastbeiträge|8 Comments

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Artikel von Leserinnen und Lesern werden unter dem Namen "Gastautor" gebündelt. Wer genau was geschrieben hat, steht immer im entsprechenden Beitrag.

8 Kommentare

  1. Jennifer Schrems am 28. Januar 2016 um 09:39 Uhr- Antworten

    Ein Mega toller Artikel, liebe Tomma!! Hut ab vor dir!!!!

    • Tomma am 28. Januar 2016 um 14:46 Uhr- Antworten

      Liebe Jennifer!
      Danke für diese lieben Worte! wow!

  2. Küstenmami am 28. Januar 2016 um 17:54 Uhr- Antworten

    Ach Tomma – Du erinnerst daran, was wirklich wichtig ist! Ganz herzlichen Dank für Teil 2 – und die Daumen sind fest gedrückt, dass Du das, was Du Dir vorgenommen hast, umsetzen kannst. Auszeiten sind wie Inseln, auf denen man einfach mal am Strand sitzen, aufs Meer gucken und dem Rauschen der Wellen zuhören kann. Das tut so gut! Ich wünsche Dir ganz viele davon.

    Alles Liebe, Küstenmami

    • Tomma am 28. Januar 2016 um 18:21 Uhr- Antworten

      Liebe Küstenmami.
      vielen lieben Dank für deine erneuten lieben Worte. Freu mich sehr, dass auch die Fortsetzung so gut ankommt. Das steigert die Motivation für Teil 3 🙂

  3. Biene am 29. Januar 2016 um 12:51 Uhr- Antworten

    ich bin ebenfalls gespannt auf Teil 3…

  4. Tomma am 29. Januar 2016 um 12:58 Uhr- Antworten

    Lieben Dank, Biene 🙂

  5. Kernchen am 1. Februar 2016 um 14:04 Uhr- Antworten

    Liebe Tomma,
    auch ich finde Deine Blogs sehr, sehr schön und lese sie sehr aufmerksam. Ich wünsche Dir alles, alles Gute und Zeit für Dich – kleine Auszeiten. Auf Deinen 3.Teil freue ich mich. LG
    Hella

    • Tomma am 1. Februar 2016 um 18:47 Uhr- Antworten

      Liebe Hella.

      1.000 Dank. Ich freu mich so sehr über jede einzelne Rückmeldung! Danke!

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