Da wache ich heute morgen auf, scrolle kurz durch meine Timeline bei Facebook, und finde mich schlagartig sehr wach und mit sehr viel Puls sitzend im meinem Bett wieder.

Ich lese Kommentare im Ton von: „Schon traurig, dass  einige Kinder schon im Kindergarten übernachten müssen, weil die Eltern zur Nachtschicht sind. Irgendwo sollte man als Mutter auch mal Abstriche ziehen“ oder „Ich finde es nicht so schön seine Kinder über Nacht in die Kita zu bringen da mach ich lieber Abstriche ich bin auch nicht mehr in Vollzeit beschäftigt sondern in Teilzeit. Geh von 5-12 arbeiten hab aber einen Mann/Partner der unsere Tochter um 7 in die Kita bringt“.

Aber worum geht es eigentlich genau? Es geht um einen Artikel der Schleswig-Holstein Zeitung vom 4. Mai „Flensburg: Erster Nacht-Kindergarten in SH eröffnet„. In dem Artikel wird beschrieben dass die Caritas ihren Mitarbeitern in Flensburg nun ermöglicht die Kids im Falle eines Nachtdienstes in den (hauseigenen) Kindergarten zu bringen. Die Mitarbeiter dort wissen anhand der Schichtdienstpläne welche Eltern wo eingeteilt sind und ob sie wirklich Nachtdienst haben. Die Schichtdienstleitung würde zudem die Schichten so einteilen dass maximal 2 Nachtdienste pro Woche anstehen. Die Betreuerinnen, die in der Zeit auf die Kinder aufpassen und auch dafür sorgen dass diese (wenn sie im schulpflichtigen Alter sind) am nächsten Morgen pünktlich in der Schule sitzen, haben sich laut Artikel bewusst für die Nachtschichten entschieden.

Es ist laut Artikel also überhaupt nicht vorgesehen dass die Kids 7 Tage die Woche (oder in dem Fall Nächte) in der Kita verbringen.

Trotzdem regen sich in den Kommentaren bei Facebook viele Menschen darüber auf, dass die Eltern vor Ort ihre Kinder „abschieben“ oder sich doch quasi nur mal eben einen anderen Job suchen sollen. Mir platzt bei sowas ja gerne die Hutschnur. Denn zu 99% sind immer ausgerechnet Menschen gegen dieses Modell (oder ähnliche 24h Kita-Ideen), die es gar nicht nutzen müssen. Häufig kommt zuerst sowas wie „Furchtbar! Einself! Die armen Kinder!!!11!“ und im weiteren Verlauf dann „ICH muss das ja zum Glück nicht nutzen, weil….“.

Wieso meinen Menschen, die es sowieso nicht in Anspruch nehmen müssen/wollen, darüber urteilen zu können ob das jetzt gut oder schlecht ist? Ja, ich selber bin zu Hause und betreue meine Kinder selbst. ABER das liegt nur daran, weil wir anno dazumal keine Nachtkita hatten die meine Kids betreut hätte in den Nächten in denen Marc Nachtdienst hatte und ich bis um 1:00Uhr im Kino beschäftigt gewesen wäre. GAB ES NICHT. Bei entsprechender Nachfrage im örtlichen Rathaus wurden wir angeschaut wie Aliens und es wurde gestottert: „Beide Elternteile in Schichtdienst-Arbeitszeiten, das hatten wir hier noch nie…“. Also mussten wir uns aus der Not heraus was anderes überlegen und meine Rentenpunkte weinen noch heute.

Ausgebildet bin ich als Buchhändlerin im Einzelhandel. Auch dort gibt es nicht nur die familienfreundlichen Teilzeitstellen. Auch dort hätte ich am Wochenende oder an „Feiertagen“ wie Weihnachten oder Sylvester arbeiten müssen. Mal eben eine kleine Umschulung machen zur…was weiss ich, Bürodame? Klar, den ABSTRICH hätte ich machen können, aber ich wäre in dem Job kreuzunglücklich und vermutlich auch nicht gut, denn das Bürozeug liegt mir absolut nicht.

Wenn ich das schon höre, „Dann muss man halt Abstriche machen„!! Jeder (!!) macht Abstriche wenn er Kinder bekommt. Die werden quasi automatisch mitgeliefert.  Die hat man schon gemacht, wenn das Kind rausplumst, damit fängt man nicht später erst an.

Denken wir das ganze mal weiter…einfach mal so rumspinnen….

„Lösung 1“: Eltern/ Mütter werden wenn sie im Schichtdienst arbeiten einfach nicht mehr für Nachtdienste eingeteilt.

Klingt erstmal nach einer guten Lösung. Hat aber einen massiven finanziellen Haken! Nachtdienste erfahren in den meisten (eh schon schlecht bezahlten) Jobs den Vorteil eines Nachtzuschlags, das gleiche übrigens an Feiertagen. Wenn Mütter nun also aber „freiwillig“ nicht mehr für diese eingeteilt werden, haben sie deutlich weniger Gehalt zur Verfügung um ihre Kinder zu ernähren.

„Lösen“ könnte man dies mit einer monetären Ausgleichszahlung, die Mütter bekommen weil sie eben nicht diese Schichtdienste übernehmen. Quasi Nachtzuschläge ohne Nachtdienste. Das Problem bei diesem Modell: 1. kinderlose Arbeitskollegen die sich fragen wieso sie für das gleiche Geld zusätzlich nachts arbeiten müssten, oder 2. Arbeitgeber die einfach keine Mütter/Väter mehr einstellen, denn wieso sollte ich als Arbeitgeber jemanden dafür bezahlen dass er eine bestimmte Arbeitsleistung NICHT in meiner Firma erbringt?

Und so weit, dass jeder anerkennt dass Kindererziehung mit Erwerbsarbeit gleichgestellt werden sollte, egal ob die Eltern oder Erzieher den Job übernehmen, sind wir noch nicht. Betreuungsgeld (was auch nur als symbolische Lohnersatzleistung verstanden werden konnte) wurde ja grade als diskriminierend abgeschafft.

„Lösung 2:“ Wir schaffen einfach generell die Nachtdienste ab.

Die Absurdität dieses Vorschlags mache ich einfach mal an zwei Beispielen klar:

  1. Ansage aus dem Pflegeheim: „Ihre(n) Oma/Mutter/Vater holen sie bitte jeden Tag um 15:00Uhr bei uns ab, denn um 15:30 Uhr macht der Kindergarten zu, danach sind alle unsere Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter zu Hause bei ihren Kindern. Am Samstag und Sonntag haben wir gar nicht auf, da müssen sie das mit der Pflege und der Sondenernährung schon alleine schaffen. Ach und an den gesetzlichen Feiertagen sind wir auch nicht zu sprechen.“
  2. Der Anrufbeantworter im Krankenhaus: „Leider rufen Sie ausserhalb unserer Sprechzeiten an, unser Personal ist erst am Montag wieder für sie da. Einen Krankenwagen erreichen Sie auch nicht, da müssen sie dann alleine sehen was sie machen. Unsere Kinderärzte sind auch nicht im Haus, aber sie können gerne googeln. Bis Montag dann.“

Von Polizei, Bahn, Bus und Restaurants, Kinos oder anderen Jobs fange ich da gar nicht erst an.

In einer idealen Welt würde sich der Arbeitsmarkt natürlich an den Eltern orientieren und alles so auslegen dass diese möglichst ideal umsorgt werden. Leider sind wir da aber lange noch nicht angekommen und die Wirtschaftsinteressen des Landes arbeiten dem auch nicht unmittelbar zu. Das können wir alle versuchen zu ändern (z.B in die Politik gehen) oder aber vorerst akzeptieren dass es in dieser, aktuellen Realität eben anders aussieht.

Lieber Geld aus den Sozialkassen, statt das Kind Nachts in der Kita?

Nehmen wir mal meine Freundin S. sie hat sich relativ unschön vom Vater ihres Sohnes trennen müssen. Da war sie mitten in der Ausbildung. Da sie nun plötzlich alleinerziehend war (Sohn war noch nicht 4 Jahre alt), konnte sie die Ausbildung nicht weiterführen. Zu viele Fehlzeiten. Also blieb sie wiederwillig zu Hause und musste Sozialleistungen beantragen. Dann fand sie endlich einen neuen Ausbildungsplatz als Krankenschwester, das Krankenhaus war gewillt sie zu nehmen, allerdings nur unter der Bedingung dass sie einen Kitaplatz für ihren Sohn nachweisen konnte. Die Kita wiederum wollte sie nur nehmen, wenn sie den Ausbildungsvertrag vorweisen kann. Nach viel Rennerei und Sorgen bekam sie den Kitaplatz UND den Ausbildungsplatz. Endlich brauchte sie keine Hilfe mehr vom Staat und konnte selbst für ihren Sohn sorgen (der Vater war monetär eher nicht so anwesend). Hätte sie nun also ABSTRICHE machen sollen, damit ihr Sohn während der in der Ausbildung notwendigen Nachtdienste nicht zu den Großeltern musste? Was wären diese gewesen? Den Ausbildungslatz sausen lassen und lieber für immer vom Amt leben. Nur damit das Kind im eigenen Bett schläft?

Wenn ich das schon höre "Dann muss man halt Abstriche machen"!! Jeder (!!) macht Abstriche wenn er Kinder bekommt. Die hat man schon gemacht, die macht man nicht erst später. Ich (und nochmal: wir haben uns entschieden dass ich zu Hause bleibe) finde es super dass es solche Einrichtungen jetzt langsam gibt. Wie viel einfacher ist es, seinen Dienstplan zu koordinieren wenn man nicht mehr „heute Oma, morgen Papa, übermorgen Freundin A und Sonntag Freundin B“ jonglieren muss. Außerdem stellt doch auch keiner in Frage DASS die Kinder am besten in ihren eigenen Betten schlafen sollten. Manchmal wäre die Alternative halt Armut und ein Leben vom Amt. DAS sind bestimmt noch miesere Voraussetzungen für ein Kinderleben als 3 Nächte im Monat in der Kita zu schlafen. Haben wir eigentlich schon über das Modell „Internat“ nachgedacht? Ist das nicht dann auch ein ganz ganz schlimmes Modell, in dem vorwiegend die Kinder der oberen Zehntausend aufwachsen?
Was sollen Alleinerziehende im Schichtdienst denn machen? Achja…ne Umschulung zu was auch immer. In Teilzeit. Oder halt gar nicht arbeiten. Oder noch besser das „selbstgewählte Lebensmodell alleinerziehend“ gar nicht erst wählen. Ich platze gleich.

Was ich vor allem aus der Diskussion immer wieder raushöre, ist das Mütter sich doch bitte beruflich völlig aufgeben sollen damit die Kinder ja nicht in der Kita schlafen. Pilotinnen, Gehirnchirurginnen, Krankenschwestern und andere hochqualifizierte Frauen, sollen lieber Harz IV bekommen oder aber sich zu betreuungszeitenfreundlichen Jobs umschulen lassen, egal ob sie dabei kreuzunglücklich sind oder nicht. Alles nur damit die Kinder jeden einzelnen Tag im Jahr im eigenen Bett schlafen können.

Die Alternative zum „Abstriche machen“ bleibt natürlich, erst gar keine Kinder zu bekommen. Und diese Entscheidung treffen inzwischen so viele Frauen und Paare, dass unser Land das mit der geringsten Geburtenrate weltweit ist. Was daraus folgt? Dass auch irgendwann deswegen die Gegner von arbeitszeit- und familienfreundlichen Betreuungszeiten „Abstriche machen“ müssten, nicht nur diejenigen, die sich noch für Kinder entscheiden.

Liebe „Gegner dieses Betreuungsmodells“, die es selbst gar nicht nutzen müssen: leben und leben lassen. Für alle denen es wirklich gegen den Strich geht dass (andere) Familien dieses Modell nutzen müssen: verbessert die Situation, engagiert euch in der Politik und ändert die Arbeitswelt. Wenn ihr in Chefetagen sitzt: Seid die besseren Chefs, ändert was in eurer Firma. Es gibt noch viel zu tun.