Ich hasse euren Sommer, eure kurzen Hosen und all den Sommer-Sonne-Freude Blödsinn.
Vor 14 Tagen war das noch anders. Der Sommer war super, das Lüftchen lau und Eis hab ich für zwei gegessen.

Rückblick:

“I KNEW THAT I’D HAD A MISCARRIAGE. THAT PART MADE SENSE. WHAT I DIDN’T EXPECT WAS THAT I WOULD FALL DOWN IN A HEAP ON THE BATHROOM FLOOR SOBBING.” (-Wendy Wisner)

25.5.2016

Ich bin eine von 4 Frauen oder eine von 2 Frauen je nachdem welche Statistik man hervorkramt. Am liebsten wäre ich keine von ihnen.

Der 14.4. 2016 war einer der besten Tage meines Lebens. Ich testete positiv, da waren definitiv 2 deutliche Linien auf dem Schwangerschaftstest. Auf den folgenden 5 Tests in den nächsten 5 Tagen auch. Es war also ziemlich sicher das wir Ende des Jahres erneut Eltern werden würden.
Der Frauenarzt wollte mich erst in 14 Tagen sehen, ich hatte keine Blutungen mir gings prima, also stieg ich 7 Tage nach dem ersten Test Jessica in einen Flieger nach Nürnberg und flog zur denkst.

Eine Woche später saßen Marc und ich bei meinem Frauenarzt und schauten auf den Monitor. Eine Fruchthöhle war zu sehen, ein Dottersack auch, noch kein Herzschlag. Ich war irritiert, hätte ich jetzt doch schon etwa in der 7 ssw bzw 6+ irgendwas sein müssen. Gut, der Körper ist kein Uhrwerk gut möglich das sich das alles verschoben hatte, mein Zyklus vorher war alles außer regelmäßig gewesen nach absetzen der Pille.

Wir sollten in einer Woche wiederkommen, da müsste man dann den Herzschlag sehen. Eine furchtbar lange Woche in der sich die Tage wie Kaugummi zogen, aber irgendwann war er da der Tag X. Wir starrten wieder auf den Monitor und da war er, ein wunderbarer Herzschlag. Man war ich erleichtert.

Nächste Vorsorgeuntersuchung sollte wieder in 14 Tagen sein (23.5.2016), und der Doc sagte noch das es noch nicht zu spät für Zwillinge sei. Für den Fall scherzte ich, will ich einen Schnaps.

Auf dem Weg nach Hause sprangen wir noch schnell im Supermarkt rein. Schon beim betreten des Ladens war mir schlecht, in der Mitte des Ladens rauschte mir das Blut in den Ohren. An der Kasse wurde mir massiv schlecht und ich musste mich setzen um nicht umzukippen. Nach einer Apfelschorle die mir Marc reichte schafften wir es nach Hause.
Kaum zu Hause angekommen, legte ich mich auf die Couch. Mir war ja so unglaublich schlecht. Nach 30min Kampf in meinem Körper spuckte ich das erste Mal. Danach hatte ich Durchfall. „So ein scheiss, Magen Darm“ fluchte ich und sank bis zur nächsten Kotz-Kack Attacke wieder auf die Couch. Nachts spuckte ich ein letztes Mal, und dann ging es mir schlagartig wieder besser. Am nächsten Morgen war ich noch wackelig auf den Beinen, aber sonst gings mir gut. Wohl doch kein Magen-Darm dachte ich. Vermutlich die Psyche, welche erst jetzt nach dem „Das Herz schlägt“ Ultraschall umschaltet auf „Entspann dich du bist wirklich schwanger.“

Die nächsten 14 Tage freuten wir uns auf unseren Zellhaufen und ich war unendlich Müde. Super Zeichen.
Am 22.5.2016 überkamen mich wieder von jetzt auf gleich diese furchtbaren Kotz-Kack Anfälle, nur das sie kürzer anhielten.

Am 23.5.2016 hatte ich alleine die nächste Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt (Marc musste arbeiten) und erzählte auch der anwesenden Hebamne von diesen merkwürdigen Übelkeitsanfällen. Sie sagte das dies ungewöhnlich sei, aber durchaus möglich in der frühen Schwangerschaft.

Dann wurde ich vom Arzt zum Ultraschall gebeten, und er fragte wie es mir ginge. Ich erzählte von der Müdigkeit und den Übelkeitsanfällen/Darmproblemen. Auch er fand es ungewöhnlich aber nicht beunruhigend.
Dann schaltete er das Licht aus und wir beide witmeten uns dem Monitor. Mein Arzt wurde still. Fragte nochmal nach meiner Schwangerschaftswoche. Fragte nach meinen Schilddrüstenwerten. „Haben wir die eigentlich mal bestimmt?“ Ich sagte das ich das nicht wisse aber bisher keine Probleme hatte. Er sagte er würde gerne noch einen vaginalen Ultraschall machen. Wir wechselten also den Raum.

Wieder der Blick auf den Monitor. Dann der Satz, welcher alles innerhalb eines Herzschlags verändert:“ Frau F. ich sehe leider keinen Herzschlag mehr.“

Ich starre ihn an. Ich weiß das sowas passieren kann. Ich habe es grade fast live bei einer großen Youtuberin mitbekommen. Rational verstehe ich diesen Satz. Er schallt noch weitere 10min und findet nichts. Ich auch nicht. Kein Herz keine Kindsbewegungen nix. Ich war hier schon mehrmals ich weiß wie das aussehen muss. Ich schaue das Baby mit Armen und Beinen auf dem Monitor an und verstehe das es nicht mehr lebt. Vermutlich schon länger nicht mehr.

Mein Arzt klärt mich darüber auf, dass ich schon zu weit bin um der Natur alles zu überlassen. Das Risiko eines zu hohen Blutverlusts wäre bei mir zu befürchten. Er und ich einigen uns darauf, dass wir uns in 48h noch einmal Wiedersehen und ein anderer Arzt auch nochmal schaut. Einfach damit ich ganz sicher vor der Ausschabung weiß das da nix mehr ist was leben könnte.
Ich nicke, wir verabschieden uns und ich rufe Marc auf der Arbeit an. Der wohl bisher schwerste Anruf meines Lebens. Wie sagt man einfühlsam :“ Unser Baby (immerhin hatte es schon Arme und Beine und, wenn auch nur kurz, einen Herzschlag) ist tot?“. In unserem Fall gar nicht. Kein Sugarcoating das mögen wir nämlich beide nicht.

Also sage ich es ohne Zuckerguss und Chi-Chi.

Die nächsten 48h verbringe ich heulend. Nein eigentlich breche ich völlig zusammen.

Fehlgeburt in SSW 10, Anzeichen gab es keine, Ausschabung war nötig

Eins von zwei Ultraschallbildern, welche wir besitzen. Nicht aus SSW 10.

25.5.2016

Ein zweiter und ein dritter Arzt bestätigen die Diagnose. Missed Abort in der 10.Schwangerschaftswoche. 10+2 mit einem Baby oder Fötus nennt es wie ihr wollt mit Armen und Beinchen vom Stand 8+irgendwas.
Missed Abort bedeutet das es keine weiteren Anzeichen gibt das dein Baby tot ist. Nur keinen Herzschlag und keine Durchblutung mehr. Ich weiß nicht ob ich mir Blutungen und Krämpfe als Anzeichen gewünscht hätte. Vermutlich nicht.

26.5.2016
Der Tag der Ausschabung. Ich schreibe nichts. Obwohl die letzten Tage an Absurdität nichts toppen. Ob der Empfangsdame im Krankenhaus die den mit wartenden vollen Flur runterbrüllt:“ Hier ist Frau F. die bekommt morgen ne Ausschabung wo muss die denn hin?“ Über die (dennoch nette Ärztin) die sagt:“ Immerhin haben Sie schon 3 Kinder“ (und vermutlich meint: „Bei Ihnen klappts also generell“ auch wenn man versteht:“ Stellen Sie sich nicht so an, Sie brauchen keins mehr“.) Abschließend mit dem Narkosearzt (laut Namensschild Oberarzt!!) der mitten im Aufklärungsgespräch anfängt mit jemandem aus seinem Freundeskreis zu telefonieren als sein privates Handy klingelt und dann später fragt ob das „Kindelein“ welches Ausgeschabt werden soll ein Wunschkind war oder nicht.
(Bekommt man bei ihm bei einer Abtreibung weniger Narkosemittel? Und was geht ihn das eigentlich an?)

Die Narkose wirkt nicht so schnell wie sie soll, das Team im OP rät mir:“ Lassen Sie sich ENDLICH fallen Frau F. Das ist doch was schönes.“ und ich meine aus dem Augenwinkel zu sehen wie mir noch eine zweite Spritze Narkosemittel in die Venen gedrückt wird.

Ich kann leider meine Arme nicht mehr heben um das OP Team zu schütteln.
Ich schaue auf die Uhr an der Wand. Tock-Tock. Ich schließe die Augen, denke „Tschüss Baby. Ich liebe dich.“ höre, Tock-tock und die Narkose wirkt.

27.5.2016
Ich lese von „After Baby Body Diäten“ und denke das ich gerne fett wäre wenn ich dafür mein (gesundes!) Baby von vor ein paar Wochen wieder hätte. Wie absurd ist das eigentlich, dass man an einen dünnen/dünneren Körper denkt/denken soll wenn man grade sein Baby bekommen durfte.

Ich habe heute das Bedürfnis alle Frauen mit Babys zu schubsen, was natürlich rational völliger Quatsch ist.

Ich rede viel mit meiner Freundin, welche auch Patentante geworden wäre und mein grausames Schicksal teilt. Es hilft ungemein darüber zu reden und das nicht nur mit Marc, der natürlich selber traurig ist.

Morgen haben die Zwillinge Geburtstag, wir bekommen Besuch von Omi und Opi aus Berlin und Oma und Opa Sandkiste. Alle wissen noch von nichts. Nicht das sie hätten erfahren sollen das sie nochmal Großeltern werden sollten. Nicht das ich/wir eine Fehlgeburt hatten.
Die Zwillinge haben morgen Geburtstag und Motti übermorgen und es soll verdammt nochmal super werden, denn das haben sie verdient!!!
Und trotzdem ist mir nicht nach feiern.
Der Verstand hat alles verstanden, das Herz nicht.

28.5.2016
Meine Zwillingsmädels haben Geburtstag und ich breche daran zusammen das ich mich emotional nicht freuen kann. Rational natürlich schon.
Wir erzählen es Opi und Omi aus Berlin und auch Opa und Oma Sandkiste.

29.5.2016
Motti hat Geburtstag und ich möchte so gerne von ganzem Herzen glücklich sein. Stattdessen weine ich und habe keine Kraft mehr übrig mich zusammenzureißen. Ich würde mich so gerne zusammenreißen wenn ich doch nur könnte.
Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen weil es mir so furchtbar geht und die doch alle Geburtstag haben. Ich kann doch mein totes Baby nicht den lebenden vorziehen.

Schweren Herzens sage ich trotzdem die Geburtstagsfeier mit Freunden ab. Ich kann das nicht und Marc kann mir nur bis zu nem gewissen Grad was abnehmen. Die Trauer leider nicht.

30.5.2016
Jetzt ist es eine Woche seit ich/wir weiß das ich nichts mehr für dieses Kind machen kann. Es fühlt sich an als wären erst ein paar Stunden vergangen. Vor dem Nachsorgetermin diese Woche habe ich irrationalerweise Angst. Die tödliche leere auf dem Monitor.

Ich könnte kotzen man hat doch Pläne gemacht, sich mindestens das nächste Jahr ausgemalt und dann kommt das Leben und gibt dir nen fetten Mittelfinger und prügelt dich fast ins Koma.

“ When your heartbeat stopped so soon, felt like mine did too.“

(-„Almost“ Rebekah Garvin)

30.5.2016
Der erste Morgen seit 7 Tagen an dem ich nicht aufwache und anfange zu heulen. Das Wetter ist bedeckt keine grässliche Sonne alles gut. Dann die Anfrage von Lisa ob ich ihrer Bloggerkollegin und CoAutorin was nettes zur dritten Schwangerschaft schreiben will.
Krawumms. Wieder auf dem Boden aufgeschlagen. Bitte nimm es nicht persönlich, ich freue mich riesig für dich Katharina.

Trotzdem tut es weh. Auch wenn niemand und erst recht nicht alle anderen Schwangeren etwas dafür können. Trotzdem stell ich mir die Frage „Wieso dürfen andere schwanger sein und ich nicht?“ Biologisch rational ist die Frage rasch geklärt. Emotional gibt’s darauf keine Antwort.

Abends geht mir ein Ohrwurm von „Till it Happens to you“ von Lady Gaga nicht aus dem Kopf.

„Till it happens to you, you don’t know
How it feels,
How it feels.
Till it happens to you, you won’t know
It won’t be real (how could you know?)
No It won’t be real (how could you know?)
Won’t know how I feel“ -Lady Gaga

1.6.2016
Ich schlage die Augen auf und weiß heute ist ein schlechter Tag. Ich komme mir so albern vor das ich noch traurig bin.
Dann denke ich:“ Dieses Kind ist für mich genauso doll weg, wie es vorher da war.“

„A Person is a person no matter how small” -Dr. Seuss.

2.6. 2016
Nachkontrollie beim Frauenarzt. Alles super. Man sieht sogar schon wieder einige Eizellen zur Schleimhaut sagt er nichts. Der Schwangerschaftstest zu Hause ist nur noch verhalten positiv. Das HCG sinkt also angemessen. Vom Doc bekommen wir das okay wieder durchzustarten.

3.6.2016
Ich vermisse nicht mehr DIESES Baby konkret sondern das Gefühl Schwanger zu sein. Schwangere ansich kann ich grade nicht ertragen.

4.6.2016
Der erste Tag der langsam sich wieder normaler anfühlt. Trotzdem stelle ich 90% meiner Twitter Timeline auf „stumm“. Babyfreiezone.

5.6.2016
Ich beschließe das ich diesen Beitrag am Dienstag online stellen will. Es ist inzwischen schwieriger nicht im Blog was dazu zu sagen als etwas dazu zu sagen.
Vor den Kommentaren habe ich trotzdem Angst, hoffe aber das sich alle benehmen werden.
Diese Nacht habe ich das erste mal seit dem 23.5.2016 wieder etwas geträumt. Es war nicht schön.