„Weshalb sind Sie hier?“

„Wegen einer Ausschabung“, antworte ich der OP-Schwester tonlos. Ich kann nicht mehr. Gibt es denn nicht einen emphatischen Menschen in diesem ganzen Krankenhaus?

Rückblende:

25.5.2016

Marc und ich stehen mit einer Überweisung vom Frauenarzt im Krankenhaus. Wir kennen nicht unser genaues Ziel, man hatte uns nur gesagt: „Melden Sie sich da, die sagen ihnen dann wo sie hin müssen.“ Wir stehen also in einer Eingangshalle, mit vielen Menschen um uns rum, am Tresen und fragen nach. „Na in die Patientenaufnahme“, sagt eine Dame und zeigt auf ein Zimmer. In diesem Zimmer sitzt eine weitere Dame Ende 50 an ihrem Schreibtisch und telefoniert. Dann ist sie fertig und wir dürfen uns setzen.

„Weswegen sind sie denn hier?“ „Ich bekomme morgen eine Ausschabung“, antworte ich. „Gut, dann brauchen Sie ja nur eine ambulante Akte“, erwidert die Frau und fragt nach Name, Adresse, Telefonnummer und so weiter. Dann steht sie auf und sagt: „Gut, dann zeig ich ihnen jetzt wo sie hin müssen, der Arzt will sie ja noch sehen.“ Marc und ich stehen auch auf und folgen der Dame zurück in die Eingangshalle. Mitten in der Halle bleibt sie stehen, schau mich verwirrt an und fragt: „Wo waren Sie grade?“ „Bei Ihnen“, gebe ich zurück. Die Dame schaut weiter verwirrt, geht wieder in ihr Büro und ich schaue Marc irritiert an. Er schaut genauso irritiert zurück.

In der Eingangshalle sitzen, laufen und stehen etwa 30 Menschen um uns herum. Es ist ein bisschen wie in einem Bienenstock.

Die Dame ist wieder da mit ihrem Telefon, tippt eine Nummer, hält sich den Hörer ans Ohr und brüllt durch die ganze Eingangshalle: „Hallo ich habe hier Frau F.*, die bekommt morgen eine Ausschabung, wo muss die denn hin?“

* Sie brüllt den Klarnamen.

Ja, danke auch. Privatsphäre wird in diesem Krankenhaus offenbar großgeschrieben. Mir klappt die Kinnlade runter. Marc erzählt mir später, dass er kurz überlegt hat ein Schild zu malen mit: „Es ist keine Abtreibung. Es war ein geliebtes Wunschkind.“ 1000 Augen starren uns an als wir zum Fahrstuhl gehen. Ich könnte heulen.

Im 2. Stock erwartet uns die Gynäkologie. Wir laufen am Kreissaal vorbei, sollen uns am „Schwesternzimmer“ melden. Das gibt es allerdings gar nicht, sondern nur einen Tresen. Wieder wissen wir nicht ob wir richtig sind. Ich spreche eine Schwester an und frage wer denn zuständig wäre. Sie sagt dass die zuständige Person erst in einer Stunde wieder da ist, und wir uns bitte ins Wartezimmer setzen sollen. Zwischen die glücklich strahlenden Familien welche zur Geburtsanmeldung da sind. Ich könnte schon wieder heulen. Weil ich da wirklich nicht sitzen will, fragen wir noch einen anderen Mann der hinter dem Tresen sitzt, wer denn für uns zuständig sei, immerhin habe unser Frauenarzt uns ja telefonisch angemeldet. Der Mann ist nett, sagt er käme aus einer ganz anderen Abteilung, aber würde mal schauen ob er jemanden findet der sich zuständig fühlt. Nach ein paar Minuten kommt er mit einem Pfleger zurück, dieser sagt freundlich wir sollen uns doch bitte ins Wartezimmer zwischen die ganzen Schwangeren setzen, da käme gleich jemand.

Wiederwillig setze ich mich also zwischen „Schau mal wie schön mein Bauch aussieht“ und „Kugelrund und glücklich“. Ich möchte schreien und auf die Frauen (irrationalerweise) eintrommeln und alle schütteln. Habe ich aber keine Kraft zu. Das ist doch alles völlig absurd hier, ich bin mir ganz sicher dass ich gleich aus dem Albtraum aufwachen werde. Das hier kann alles nur ein ganz ganz schlimmer Traum sein. Die Mutter aller Albträume sozusagen.

Stattdessen kommt eine Ärztin und bittet uns zum Ultraschall. Wieder sehe ich mein totes Baby auf dem Monitor, wieder wird geschallt und geschallt und natürlich findet auch sie keinen Herzschlag, wo soll der denn auch herkommen? Ein Herz das aufgehört hat zu schlagen fängt ja nicht wieder an, denke ich. (Rational weiß ich dass sowas gemacht werden muss damit sie 100% sicher sind, und bin da auch froh drüber.)

Nach dem finalen Ultraschall schaut die Ärztin in meinen Mutterpass um ein Datum zu finden, und sagt:

„Naja immerhin haben Sie schon drei kleine Racker.“

Ja, immerhin. Weil man ja auch Kinder bekommt damit eins das andere ersetzen kann, wie eine Handtasche.

Dann müssen wir aus irgendwelchen Gründen den Raum wechseln, laufen also wieder an Kreissaal und dem Wartebereich der Kugelrundensonnenstrahlen vorbei. Bei unserem neuen Raum angekommen sagt die Ärztin: „Oh. Doch besetzt. Gut dann gehen wir wieder zurück.“ Wieder vorbei an Müttern und Bäuchen, die Ärztin plappert fröhlich, ich versuche einen Fuß vor den anderen zu setzen ohne die Fassung zu verlieren.

Wieder im Ultraschallraum angekommen, werden wir aufgeklärt was bei einer Ausschabung passiert, welche (furchtbaren) Komplikationen es alles geben kann, wer wo hoffentlich nichts durchsticht, und zum „Abschied“ bekommen wir 2 Tabletten mit. 2 Tabletten die dafür sorgen, dass man leichte Wehen bekommt bzw. der Muttermund sich etwas öffnet und absenkt, damit sie mit ihren Löffeln und Zangen gut an alles rankommen. Bitte soundsoviele Stunden vorher nehmen nichts trinken, das Übliche.

Dann werden wir von der Ärztin zum Schwesterntresen geleitet, dort wird jemand (eine Hebamme?) angewiesen uns doch eine „schöne, ambulante Akte“ zu bauen. Die Dame nimmt unsere 100 Zettel und wir werden mit dem Anästhesie-Fragebogen wieder zu den strahlenden Schwangeren geschickt. „Füllen Sie den doch schonmal aus.“ Okay, mache ich. Während ich schreibe und lese, frage ich Marc etwas über einen Fachbegriff, er antwortet, ich schreibe weiter. Tage später wird er mir erzählen, dass wir von Blicken fast erdolcht werden. Offenbar denken unsere SitznachbarInnen dass wir wegen einer Abtreibung die Narkose brauchen würden.

Dann kommt die Aktendame und bringt uns ins Untergeschoss zum Narkosearzt. Als wir ins Zimmer eintreten dürfen, ist dieser fröhlich am telefonieren. Dann nimmt er sich meine Akte, einen Zettel und fragt allerhand Sachen ab. Das Diensttelefon klingelt, er ignoriert es. Dann klingelt das private Handy (Leopardenschoner umhüllt das Smartphone). Der Oberarzt greift mitten im Satz nach dem Handy: „Hallo Kevin, machs kurz ich bin grade im Krankenhaus in einem Gespräch. Ah. Jaja. Oh. Echt?“

Echt? Ich frage mich ob ich statt in einem Krankenhaus in einer, ach in irgendwas absurdem gelandet bin. Nach ein paar Minuten hat „Kevin“ wohl endlich erzählt was es zu erzählen gab und der Arzt legt auf. „Entschuldigung.“

Dann schaut er weiter auf seine Unterlagen und schreibt, schaut auf und fragt dann: „Sagen Sie, war das Kindlein ein Wunschkind?“ „JA“, stottere ich verdutzt. Was geht den DAS denn an? Welchen Unterschied macht es denn bei einem Narkosearzt ob das „Kindlein“ ein Wunschkind ist oder nicht? Gibt es bei Abtreibungen weniger Narkosemittel? Ich kann es gar nicht fassen. Dann ist das Gespräch zu Ende und uns wird gesagt, dass wir wegen dem endgültigen Termin morgen bzw. der genauen Uhrzeit bitte nochmal nach 18:00 Uhr anrufen sollen. Vorher steht der OP Plan noch nicht. Wir fahren heim. Abends nehme ich die erste der beiden Tabletten, wäre mein Kind nicht schon tot wäre das hier jetzt quasi Zyankali. Mit einem Schluck Wasser bitte.

Wehen bekomme ich keine, Schmerzen habe ich auch keine. Bizarre Situation.

26.5.2016

Meine Mom passt auf die Kids auf, und wir fahren ins Krankenhaus. Im Krankenhaus suchen wir die Abteilung „Ambulante Operationen“. Sie teilt sich ein Wartezimmer (eigentlich ist es eher ein offener Glaskasten mit Stühlen) mit der Röntgenabteilung. Wir stellen uns an einen Tresen und fragen ob wir uns irgendwo melden oder anmelden müssen. Der Pfleger raunzt uns an: „Sind Sie zum Röntgen hier?“ „Nein!“, antworte ich. „Gut, was wünschen Sie sich denn?“, fragt der Pfleger.

Ich denke: Aus diesem Albtraum aufwachen. Mein gesundes Baby zurück.

Ich sage: „Ich wünsche mir nichts, aber wir sind hier wegen einer Ausschabung.“

„Ja dann setzen Sie sich da rein, die vom OP rufen sie dann auf.“

Und dann beginnt das Warten. Und warten und warten, und wir warteten so lange dass ich dachte ich breche zusammen. Auf dem Tischchen in der Mitte liegt eine ELTERN family, eine Gala und eine Autobild. Man kann in so einer Situation doch nicht entspannt zur Gala greifen, denke ich noch. Mit uns warten glücklicherweise nur Menschen zum Röntgen, oder Frauen 50+. Irgendwann kommt eine OP-Schwester und fragt, wer denn noch zum OP hier ist, nickt als wir uns melden, und geht wieder. Wir warten weiter. Irgendwann kommt eine  alte Frau leicht benommen auf uns zu und ihr Mann begrüßt sie und gibt ihr ihre Sachen.

Ich realisiere, dass mich diese Schwester hier abholen wird, und dass Marc nicht wird mitkommen können. Mich zerreisst es und ich fange noch im Wartezimmer an zu weinen. Macht auch nichts, interessiert auch keinen der anderen. Marc nimmt mich in den Arm. Wir warten weiter. Irgendwann ruft mich die OP-Schwester auf, Marc und ich folgen ihr bis zu einem kleinen Raum. Ein Regal, ein Stuhl, eine „schöner Garten“ Zeitschrift. Sie dreht sich um, schaut mich an und sagt: „Weshalb sind Sie hier?“

„Wegen einer Ausschabung“, antworte ich der OP-Schwester fast tonlos. Ich kann nicht mehr. Marc fragt ob er noch bei mir bleiben darf, seinem Häufchen Frau beistehen? Die Schwester verneint. „Kommen Sie in zwei Stunden wieder!“, und knallt ihm fast die Tür vor der Nase zu. Ein schneller Kuss, und dann ist er weg.

Die Schwester allerdings ist noch da. „Hier ist eine Tüte für die Kleidung. Die können Sie da reintun. Haben Sie noch Schmuck? Ziehen Sie sich nackt aus und dann das OP-Hemd an. Danach können Sie sich hinsetzen und in eine Decke kuscheln. Ich hole Sie gleich.“

Rumms. Die Tür ist zu.

Ich stehe zitternd in der OP-Schleuse und fange an zu schluchzen. Ich will das doch alles nicht.

Ich will das nicht. Ich will das nicht. Ich will das nicht.

Ich will das nicht, schluchze ich, während ich mich aus meinen Sachen schäle. Das OP-Hemd anziehe, mir zitternd das Hemd ein bisschen zubinde und die Haube aufsetze. ICH WILL DAS ALLES NICHT.

Auf den Stuhl will ich mich auch nicht setzen. Geschweige denn „einkuscheln“. Von draußen höre ich Metall klimpern. Gemurmel. Klimper klimper. Ich weiß ja nichtmal was hinter dieser Tür kommt. Oh Gott, gleich der OP? Mache ich die Tür auf und stehe in einem gefließten Raum? Ich warte. Ich rede mit meinem toten Baby, ich sage ihm dass da oben Leute sind die auf es aufpassen. Ich versuche bis 100 zu zählen. Ich habe ja auch keine Uhr hier drinnen. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern.

Dann geht die Tür wieder auf und ein Mann sagt mir dass ich mitkommen soll. Wie sich herausstellt ist er der Narkosearzt (aber nicht der telefonierende von gestern). Hinter der Tür ist erst noch ein Aufwachraum, noch nicht der OP. Der wartet hinter einer Biegung auf mich. Ich klettere auf die Liege. Man sagt mir wie ich sitzen soll. Ich sage dass es schwierig sein könnte eine Vene zu finden, der Arzt gibt sich optimistisch und sucht nach einer Vene. Während er an meinem Arm arbeitet, kommt die OP-Schwester wieder und sagt: „Hallo ich bin X, mich kennen Sie ja noch von eben.“.Der Zugang sitzt. Mir werden die Sensoren für die Kreislaufüberwachung aufgeklebt.

Der Narkosearzt fragt: „Haben Sie sich denn schon einen wunderschönen Traum ausgesucht?“ Ich sage: „Nein“, und denke: Wunderschöner Traum my ass. Sie schneiden gleich mein (totes) Baby aus mir raus. Irgendwer anderes kommt in den Raum, eine Frau, sie sagt: „Haben Sie sich denn schon einen schönen Traum ausgesucht?“ Alle informieren sie darüber dass der Joke schon gemacht wurde. Dann ist es soweit, der Arzt sagt: „Sie bekommen jetzt schonmal einen kleinen Schnaps“, und drückt mir das Narkosemittel in die Vene. Dann: „Merken Sie denn schon was?“ „Ja“, antworte ich. Ich merke wie das Zeug durch meinen Brustkorb schießt, ich merke dass meine Atmung schwerer geht, und bekomme kurz Angst. Komplett wirken tut die Narkose noch nicht, ich kann noch meinen Arm heben. Man weißt mich darauf hin dass die Narkose toll ist. „Das ist doch was schönes“, und meint vermutlich wie schön es ist nackt auf einem OP-Tisch zu liegen, mit dem Wissen dass das eigene Baby tot ist und ein Team von relativ anonymen Ärzten es gleich aus einem rausschneiden wird, damit es im Krankenhausmüll landet. Ich kann das nicht ganz bestätigen. Ich meine sogar zu erinnern, dass ich sage, dass es unter diesen Umständen nichts schönes ist.

„Entspannen Sie sich doch ENDLICH Frau F. Das ist doch was schönes!“, blafft mir eine Frau von der rechten Seite ins Gesicht.

Aus dem Augenwinkel sehe ich wie mir der Narkosearzt eine zweite Dosis in die Vene drückt.

Ich kann leider meine Arme nicht mehr heben um das OP-Team zu schütteln.
Ich schaue auf die Uhr an der Wand. Tock-Tock. Ich schließe die Augen, denke „Tschüss Baby, ich liebe dich“, höre Tock-tock, und die Narkose wirkt.

Fehlgeburt in der 10 Schwangerschaftswoche mit Ausschabung

Teile dieses „schwangerschaftstypischen Materials“ nenne ich „mein Kind“. Der Satz kommt aus dem Operationsbericht, da muss das so heißen. Trotzdem steht er symbolisch für das Geschehen im Krankenhaus.

Danach

Ich wache davon auf dass eine Männerstimme mit mir spricht. Als ich die Augen öffne ist niemand da, aber hinter dem Vorhang links von mir ist eine Frau. Wir unterhalten uns. Sie sagt sie war hier weil sie jenseits der 60 nach einigen Jahren plötzlich wieder ihre Tage bekommen hat. Sie fragt nicht wieso ich da bin. Ich will es ihr auch nicht sagen.

Irgendwann kommt eine Schwester, fragt ob alles okay, ist sagt mir wo meine Sachen sind und dass ich diese -wenn ich aufstehen kann- anziehen soll. Auf der Fensterbank liegt mein Arztbrief. Ich bleibe noch ein bisschen liegen, Schmerzen habe ich keine. Also zumindest nichts erwähnenswertes. Natürlich merke ich dass da unten jemand dran war, aber mehr nicht. Ich ziehe mich an, lasse mir den Zugang ziehen und verpflastern.

Eine Ärztin kommt, sagt dass die OP gut verlaufen ist und dann kommen die üblichen Sachen wie: „Bleiben Sie bitte noch 40min im Krankenhaus, kein Autofahren, keine Verträge unterschreiben, Nachkontrolle beim Arzt, im Notfall sofort vorbeikommen“. Ich sage ihr dass sie das erste nette Gesicht in diesem Krankenhaus ist.

Dankeschön. Händedruck.

Ich nehme meine Tüte mit der Unterwäsche und werde bis zur Schleuse begleitet. Dann mache ich die Tür auf und laufe mit meinem OP-Geburts-Omaschlüppi (und meinen regulären Klamotten drüber) zum Wartezimmer. Da bin ich wieder, sage ich zu Marc.

Ich bin noch hier. Wir sind noch hier. Unser Baby nicht.