Zuerst erreicht mich eine Eilmeldung von Spiegel Online, Miriam Pielhau, die bekannte Moderatorin, sei an den Folgen ihrer Krebserkrankung gestorben. Zunächst lässt mich das recht kalt. Ja es ist schade, aber dieses Jahr haben wir uns schon daran gewöhnt dass die Großen sterben, meist unerwartet, viele durch Krankheit, der eine oder andere an den Folgen von Medikamenten oder Drogenmissbrauch. Im Himmel sitzen die ganz Großen als Neuzugänge auf ihren Wolken, trinken, debattieren und machen vermutlich genau das was sie im Leben am besten konnten. Die einen schreiben, die anderen singen und Miriam Pielhau moderiert jetzt also zusammen mit Dirk Bach das Promi Big-Brother Dschungelcamp. Ja, so stelle ich mir das wirklich vor. Vermutlich hat es alles nichts mit der Realität zu tun und je nach Glauben oder Nichtglauben stellt sich jeder von uns etwas anderes vor.
Wie viele andere meiner Generation kondoliere ich also Frau Pielhau via Twitter, wie schon so oft in diesem Jahr, dann google ich (wie vermutlich auch ganz viele andere) „was  hat sie denn die letzten Jahre sogemacht?“ und ich stelle fest, dass es für sie nicht die erste Krebserkrankung (die ich noch irgendwie mitbekommen hatte) war, sondern schon die zweite. Und dass sie eine Tochter hat, geboren im Mai 2012.

Wie Motti.

Verdammt das könnte auch ich sein, schießt es mir durch den Kopf, denn Krebs ist ja so eine Sache die immer nur den anderen passiert. Zwillinge bekommen auch immer nur andere. Und das FFTS (wenn auch bei uns nur für wenige Tage und mit zum Glück keinerlei bleibenden Konsequenzen) haben auch immer nur die Zwillinge anderer Eltern. Fehlgeburten erleben auch immer nur die anderen. Und genau das ist es, was es diesmal anders macht. Nach meiner Fehlgeburt habe ich verstanden, dass „nur die anderen“ eben nicht immer zutrifft, dass einen eigentlich alles treffen kann. Und das ist was großes.

Plötzlich stelle ich mir vor wie grausam es sein muss selbst im Sterben noch stark sein zu müssen. Überlege mir, wie man wohl seinem Kind das allerletzte Mal „Tschüss“ sagt ohne zu zerbrechen. Ich kann es nicht. Mir kommen die Tränen.

Dann wache ich morgens auf und Marc sagt mir dass in Nizza jemand mit einem Laster in eine Menschenmenge gefahren ist. Wohl ein tragischer Unfall, denke ich. Über den Tag verteilt stellt sich heraus, nein das war kein Unfall, da wollte wirklich jemand mit dem LKW gezielt andere Menschen töten. „Was haben die Menschen eigentlich alle auf der Promenade gemacht?“ frage ich Marc. Er hat den Lifestream bei Spiegel Online im Blick und sagt dass sie den französischen Nationalfeiertag feierten. Sofort stelle ich mir vor was wohl passieren würde wenn beim Hamburger Hafengeburtstag jemand mit einem LKW an den Landungsbrücken langdonnert. Es ist unvorstellbar!

Natürlich ist es da naheliegend zu fragen wieso man in diese Welt überhaupt noch Kinder setzen soll. In eine Welt in der offenbar ein Teil einem anderen Teil die Pest an den Hals wünscht und trotzdem Waffendeals stattfinden. Eine Welt in der Flüchtlinge per se erstmal Schuld an allem kriegen (Kommentar in einer Facebookgruppe: „Aber ich will auch ein Fahrrad vom Staat geschenkt bekommen.“) und wir uns selbst nicht mehr an die eigene Geschichte erinnern können. Oder zumindest daran dass wir alle Menschen sind. Wieso sollte ich in so eine Welt Kinder setzen?

Weil ich Hoffnung habe. Weil ich glaube dass zwar gerade eine ganz große Menge an Dingen schief geht, dass die Menschheit aber trotzdem eine Chance hat. Weil ich glaube dass wir gerade eine Generation von Kindern großziehen die es hoffentlich besser macht als ihre Eltern, welche in diesen Tagen Pokémon-Go spielend versuchen die Welt nicht ganz so scheiße zu finden. Ich glaube dass Hoffnung sowieso eine der Kernmotivationen ist, warum es noch Menschen gibt. In Zeiten der spanischen Grippe, der Pest oder des 30-jährigen Krieges, wenn da die Menschen abstinent geblieben wären, weil sie keine Hoffnung mehr in die Zukunft gehabt hätten, dann wären wir ganz schön schnell ausgestorben. Wenn selbst in Zeiten des zweiten Weltkrieges die Menschen noch Kinder bekommen, statt alles zum Teufel zu schicken, dann können wir auch noch Hoffnung haben.

Eine rote Blume in einer Vase

Dann ziehen unsere Kinder in Zukunft vielleicht weniger Geld aus Waffendeals, googeln VOR einer Wahl mal was uns danach eigentlich erwarten würde (Nächstes Jahr ist Bundestagswahl! Informiert euch für was die Parteien eigentlich stehen, wie wir grade gesehen haben kann „ich zeige es denen da oben“ auch mal völlig in die Hose gehen!), finden endlich ein Heilmittel gegen Krebs und es zeigt sich dass es gut war dass ihre Eltern die Hoffnung nicht aufgegeben haben.

Was es mit mir macht? Ich habe Angst um die Zukunft. Ganz egal ob gesundheitlich oder weltpolitisch. Aber ich habe auch Hoffnung für unsere Zukunft. Ich gebe nicht so schnell auf, wenn der Kampf sich lohnt. Und was ist ein besserer Preis für einen Kampf als das Leben? Da würde mir bestimmt auch Miriam Pielhau zustimmen.

xo,
Katarina