Mitte Februar 2012 besuchten mein Mann und ich ein Konzert in Hamburg und fuhren tags drauf noch bei meinen Eltern in Niedersachsen vorbei, übernachteten dort. Am nächsten Morgen stand ich auf, ging ins Bad und brach auf dem Rückweg zusammen. Diagnose: Rupturierte Ovarialzyste – eine Zyste am Eierstock war eingerissen, ich hatte massiv viel Blut im Bauchraum. Nach einer Not-Bauchspiegelung wurde ich am nächsten Tag nach Hause entlassen (mein Mann ist Allgemeinmediziner, ich war also gut versorgt).
Drei Wochen später fand eine geplante Konisation statt – Krebszellen am Gebärmuttermund wurden via Laser entfernt – die Hystologie fand zum Glück keine bösartigen Marker.

Anfang April

Alles in allem keine sonderlich guten Voraussetzungen und doch hielt ich Mitte April einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Mein Mann hatte mir kurz vorher einen Heiratsantrag gemacht – wir verlegten unsere Hochzeit ins Jahr 2012 vor (ich will nie wieder eine Hochzeit in sechs Monaten planen!) und heirateten, als ich im 8. Monat war. Der errechnete Termin war der 26.12.
Am 23.12. gönnten wir uns griechisches Essen. Wir hatten Freunde und Familie über die Feiertage ausgeladen und genossen unsere Zweisamkeit und die Ruhe. Ich trank ein halbes Glas Wein.
Gegen 22 Uhr rollte ich mich ins Bett (wirklich!) und schlief tief uns fest.
Um 1 Uhr ging ich zur Toilette, um 2:00 Uhr wachte ich auf und musste wieder. Ich war wütend, schon wieder raus zu müssen. Auf der Schüssel angekommen war nach dem ersten „Platsch“ klar, dass das wohl die Fruchtblase war. Ich überlegte, was ich nun machen soll – ich würde ja auf dem Weg ins Schlafzimmer alles vollkleckern?! Also blieb ich erst mal sitzen – 15 Minuten. Dann klemmte ich mir ein Handtuch zwischen die Beine und watschelte zu meinem Mann.

Die Fruchtblase ist geplatzt – Das wollen wir ja mal sehen

Es entspann sich folgende Konversation:
Ich: „Schatz?“
Er: „Hmm?“
Ich: „Wach bitte auf. Die Fruchtblase ist geplatzt.“
Er: „Mmm… Woran machst du das fest?!“
Ich: „…?!“
Er: „Na okay. Ich gehe mal duschen.“
Ich: „…?!!!!“
Er ging duschen. Ich rief im Kreißsaal an, packte die letzten Sachen in die Tasche und hatte die ersten Wehen. Ich war völlig euphorisch, freute mich, war ganz aufgeregt – positiv gestimmt und dachte ganz lapidar bei mir „Wenn das die Wehen sind, mache ich das easy“. Haha.

Wir kamen etwa eineinhalb Stunden nach platzen der Fruchtblase im Kreißsaal an, es wurde untersucht, ein CTG und ein Ultraschall gemacht. Die Nachthebamme hatte mir am Telefon nicht geglaubt, dass es Fruchtwasser sei, was ich verloren habe; stimmte mir dann aber zu, als ich scheinbar den Rest verlor und ihre Schuhe tränkte.

Es war alles okay, (Ultraschall ergab ca. 3600g, CTG verzeichnete Wehen, Muttermund minimal geöffnet) wir wurden im Familienzimmer einquartiert und ich sollte noch etwas schlafen. Das konnte ich nicht mehr, wir liefen also die Flure auf und ab. Um halb sieben sollten wir zum Kreißsaal zurück kommen. Die Taghebamme stellte sich vor, sie war mir sympathisch. Sie führte eine Untersuchung durch – Muttermund 9cm. Ich höre sie sagen, das Kind sei vor dem Frühstück da. Sie bot mir ein Bad an und traf damit genau das, was ich in dem Moment brauchte. Es war wunderbar und es ging nochmal richtig voran.

Man verlässt sich ja blind aufs Fachpersonal

Nach etwa 45 Minuten entschied sie, mir Schmerzmittel und Buscopan (krampflösend) geben zu wollen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass man sich ja einfach blind verlässt – auf die Erfahrung und darauf, dass das Fachpersonal weiß, was es tut. Kaum waren die Medikamente samt eines halben Liters Flüssigkeit drin, ließen die Wehen abrupt nach. Ich entwickelte eine Wehenschwäche. Sie waren noch da, hatten nur keine Kraft mehr. In der Zeit bis 13.16 Uhr, als meine Tochter per Saugglocke geholt wurde, lag eine weitere Hebamme auf mir drauf, ich musste mich von rechts nach links drehen, durfte aber nicht vom Kreißbett aufstehen (keine Ahnung, warum!), bekam einen Dammschnitt; wurde angemault, ich würde mich anstellen und außerdem solle ich mir mal etwas Mühe geben.
Mein Vertrauen war ziemlich erschüttert, als die Ärztin kam, sich knapp vorstellte, sich die Situation schildern ließ, ein paar Wehen abwartete und dann sagte: „Wir holen gleich mal die Saugglocke, bei den meisten Frauen reicht ja der Anblick und sie strengen sich dann nochmal an.“
Ich war körperlich ziemlich am Ende, mental völlig zerstört. So hatte ich mir die Geburt meiner ersten Tochter nicht ausgemalt!

Das war wohl das Zweitschlimmste

Als sich nichts tat, beschloss die Ärztin, die Betäubung für die Saugglocke zu setzen. Sie musste also mit ihrer Hand samt Spritze in mich hinein, um rechts und links den Nervenknoten zu betäuben – ja, genau DORT! Ich weiß heute noch, dreieinhalb Jahre später, wie sich das anfühlte – es war wohl das zweitschlimmste, was ich je erlebt habe.
Das allerschlimmste war das Gefühl, als sie nicht darauf wartete, dass die Betäubung wirkte und die Saugglocke am Kopf meiner Tochter befestigte und dann daran riss. Sie wartete weder auf eine Wehe, noch sagte mir jemand, was ich tun soll geschweige denn erklärte mir überhaupt jemand, was jetzt passieren würde. Ich riss gegenüber dem Dammschnitt auf, ein Riss III. Grades mit Muskelbeteiligung.
Und plötzlich lag sie da auf meinem Bauch – meine kleine Carlotta. Mein Christkind – immerhin war der 24.12.! Sie war blutverschmiert, schnappte nach Luft und staunte mich mit ihren großen, satt dunkelblauen Augen an. Ich war völlig überwältigt und ließ mich von Emotionen und Gefühlen mitreißen, von denen ich nicht mal wusste, dass ein Mensch sie empfinden kann.

Die Plazenta kam den Medizinerinnen nicht schnell genug, ich blutete stark. Also nahm mein Mann seine Tochter (ich habe mich in diesem Moment noch einmal neu in ihn verliebt!) und ich musste mich hinhocken (jetzt durfte ich!) und in die dann noch mehr klaffenden Wunden hineinpressen.
Danach dauerte es noch über eine Stunde, bis die Ärztin mich nähen wollte (ich weiß nicht, wo sie plötzlich hin war, eine andere Geburt lief gerade nicht) und bis dahin war natürlich die Betäubung nahezu weg. Sie musste nachspritzen und hat mir unglaublich weh getan. Ich habe geweint und geschrien, darum gebettelt, dass sie aufhört. Mein Mann hatte unsere Tochter auf dem Arm und rief immer nur, bat um Vorsicht, hielt meine Hand und ich merkte ihm an, wie hilflos er war.

Fremdbestimmt

Ich solle mich nicht so anstellen, das tue eben weh, sie könne ja ohne Betäubung nähen – ob ich das wolle. – Ich kam mir verloren vor, fremdbestimmt, als hätte man mir diese ganze Situation übergestülpt. Ich ließ es über mich ergehen, das Nähen und kuschelte mit meiner wunderschönen Tochter. Weitere Zeit später fragte die Hebamme, ob ich duschen wolle – ja, sehr gern! Ich hatte mich allerdings überschätzt, mein Kreislauf kollabierte im Bad. Nicht überraschend, oder? Carlotta war gesund, entwickelte allerdings eine starke Gelbsucht. Sie trank nicht, schlief nur – aber das ist eine andere Geschichte.
Drei Tage später weinte ich den ganzen Tag. Ich wachte auf und begann zu weinen. Während des Frühstücks, das ich nicht essen mochte, den ganzen Vormittag, über Mittag bis spät in den Nachmittag hinein. Dann bekam Carlotta die U2 und schrie so laut und herzzerreißend, dass ich erneut zusammenbrach und mich vor den Raum auf ein Sofa schleppte (mein Mann war bei ihr). Ich weinte und weinte, verfluchte meinen Körper, der nur noch ein einziger Schmerz war; verfluchte diese schreckliche Geburt – ich hatte das alles doch so ganz anders gewollt!

Und dann saß eine Krankenschwester neben mir, nahm mich in den Arm und hielt mich einfach nur fest. Sie sagte mir, dass das alles momentan richtig beschissen sei; dass ich so tapfer war und dass es besser wird, auch wenn ich mir das nicht vorstellen könne. Es waren nur Phrasen, aber sie halfen mir ein wenig.
Bis ich erneut schwanger wurde, hat es etwas gedauert – ich brauchte lange, bis ich dieses Erlebnis verarbeitet hatte. Heute schaue ich darauf zurück und bin der Meinung, dass sowohl Hebamme als auch Ärztin die Geburt so schnell wie möglich „abgearbeitet“ haben wollten – einen ruhigen Feiertagsdienst. Ich war ihnen lange böse, habe dann aber irgendwann erkannt, dass meine Wut nichts ändert. Ich habe dieses Erlebnis gehabt und kann es nur annehmen. Es ist ein Teil von mir und ich denke, aus jeder Situation lernt der Mensch etwas.
Ohne meinen wundervollen, ruhigen, liebevollen Mann hätte ich das sicher nicht geschafft. <3

Sarahs Geburtsbericht, Carlottas Geburt

Bildrechte: Sarah B.

Danke liebe Sarah für eure Geburtsgeschichte! Ich wünschte mehr Frauen würden sich unter der Geburt wohler fühlen und im Krankenhausalltag würde man nicht so schnell zur Routine werden. Deine beiden anderen Geburten werde ich auch noch veröffentlichen und ich bin gespannt ob es bei den nächsten für dich schöner wurde. Danke das du die Erfahrungen mit uns teilst.

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