Alleingeburt: Tamo Jarik

Ich bin Mandy, 31 Jahre alt und Mutter von fünf Kindern. Meine große Tochter kam im Krankenhaus zur Welt, mein ältester Sohn im Geburtshaus und die letzten drei Kinder kamen im heimischen Wohnzimmer als Alleingeburten auf die Welt.

Was ist eine Alleingeburt

Eine Alleingeburt ist eine Geburt ohne Hebamme und Arzt. Mein Mann war dennoch immer anwesend, so ganz allein war ich also nicht. Ich entschied mich nach zwei Geburten für die Alleingeburten, da ich bei den ersten Geburten mehr oder weniger schlimme Eingriffe durch Ärzte und Hebammen erfuhr, welche mir es nicht ermöglichten, selbstbestimmt zu gebären. Ich spürte diese Kraft in mir, dass mein Körper bei den Geburten eigentlich genau wusste, was er braucht und dennoch habe ich im Kranken- und Geburtshaus auf die Anweisungen des medizinischen Personals gehört und nicht auf meinen Körper. Vor allem den Dammschnitt und -riss hätte ich damit wohl verhindern können. So blieb ich bei meinen Alleingeburten bis auf Schürfungen unverletzt, sie verliefen schnell und ohne Störung von außen. Ganz allein mein Körper gab vor, was so tun ist und welche Geburtsposition erträglich und voranbringend scheint. Nach jeder Alleingeburt habe ich mich stärker gefühlt in meinen weiblichen Kräften. Meine Kinder kamen so friedlich in dieser Welt an, wie ich es nur jedem Baby und jeder Frau wünschen würde.

Ich möchte euch von meiner dritten Alleingeburt berichten, welche unspektakulär und schnell war, wie die letzten zwei schon.

Gelassenheit und Geduld

Meine großen Kinder kamen alle ca. 2 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt, so dass ich auch dieses mal mit dieser Zeit rechnete. Tja unser Baby kam natürlich auch mit einer Aufgabe zu uns, es sollte uns Gelassenheit und Geduld lehren. So verging die Zeit und ich war bereits in der 40. Schwangerschaftswoche. Da es mir aber sehr gut ging, sowohl körperlich als auch seelisch, war es ok so lang schwanger zu sein und ich genoss meinen Bauch im Sommer. Ich hatte nur 8 kg zugenommen und war bis zum Schluss kaum eingeschränkt mit meinem Bauch. Spaziergänge im Wald brachten nicht den gewünschten Erfolg eines Geburtsbeginnes, ganz so schweigen von anderen Mittelchen und Empfehlungen.

Ich hatte einige Tag vor der Geburt jeden Abend ab und zu einen harten Bauch, aber nichts regelmäßiges, so dass ich meist genervt ins Bett bin und frühs ausgeschlafen mit Baby im Bauch aufwachte. Das letzte Baby kam in der Nacht zur Welt und ich wünschte mir wieder so eine ruhige, dunkle Atmosphäre. Die Kinder verschliefen damals die Geburt und kamen erst in der früh dazu und bestaunten das Baby. Das Wohnzimmer wurde nur durch Kerzenlicht und einer Salzkristalllampe beleuchtet. Ich fühlte mich geboren und heimisch in meiner Geburtshöhle. So stellte ich mir auch diese Geburt vor. In meinen Vorstellungen war es unmöglich, mit drei bis vier Kindern im Haus tagsüber eine Geburt über die Bühne zu bringen, viel zu wuselig ist es bei uns zu Hause. Aber dieses Abkommen hatte ich ohne meinen Körper und meinen Sohn gemacht.

Die hat gut reden

Am 12. 7. hatte ich vormittags immer mal einen harten Bauch, gefühlt aber nicht regelmäßig und auch nicht heftig genug, um dass es auf eine Geburt hindeutete. Ich verabredete mich sogar mit einer Freundin auf dem Spielplatz. Als ich ihr von meinen leichten Wehen schrieb, empfahl sie mir doch lieber zu Hause zu bleiben und in Ruhe mein Baby zu bekommen. Die hat gut reden. Ich räumte aber sicherheitshalber mal das Haus auf, kochte Mittag und aß gemeinsam mit meiner Familie. Um mich aber endlich seelisch und moralisch auf die Geburt vorbereiten zu können und um zu schauen, ob die Wehen regelmäßig kommen, schickte ich meinen Mann mit den zwei großen Jungs (die Tochter war mit der Oma unterwegs) um 13 Uhr zum Einkaufen und auf den Spielplatz. Meinen kleinsten Sohn legte ich zum Mittagschlaf hin.

Dann hatte ich endlich Ruhe im Haus. Sitzend und wartend auf dem Sofa ging gefühlt nichts vorwärts, so dass ich mich weiter dem Haushalt, räumte den Geschirrspüler aus, die Küche wurde gewienert und das Wohnzimmer aufgeräumt. Während ich so vor mich hinarbeitete kamen die Wehen aller 8-10 Minuten. Also doch recht regelmäßig, dachte ich. Teilweise schon so, dass ich sie bewusst veratmen musste und in dem Bauch atmete.

Wow, ich scheine heute tatsächlich gebären zu wollen. Da ich sicher gehen wollte, das die Wehen bleiben und mein Körper die nötige Ruhe für eine Geburt hat, bat ich meinen Mann länger auf dem Spielplatz zu bleiben. Doch die Jungs wollten nach Hause und versprachen leise im Kinderzimmer zu spielen. So waren sie gegen 14.30 Uhr wieder zu Hause und auch der Jüngste wurde von seinem Mittagschlaf wach. Ich befürchtete eine Unterbrechung der Geburt. Unserer Geburtsfotografin hatte ich dennoch Bescheid gegeben, sie fragte auch, ob sie schon kommen soll (14.45Uhr). Ich war aber gefühlt noch nicht so weit, sie zur Geburt einzuladen und wollte erstmal abwarten, wie es weiter geht. Die Wehen blieben trotz Kinder um mich, der Kleinste schlängelte sich während der Wehen sogar um und durch meine Beine.

Seit ca. 15 Uhr musste ich dann doch mittönen und wurde lauter, selbst das störte den Kleinen nicht. Meine Bedenken, dass er vielleicht Angst bekommt, waren völlig unbegründet. Zum Vertönen der ersten Wehen verzog ich mich dann erstmal aufs Klo, ich brauchte meine Ruhe und wollte noch nicht beobachtet werden. Mein Mann begann in der Zwischenzeit, den Pool einzulassen, welcher schon seit 3 Wochen aufgepustet dastand. Gegen 15.15 Uhr sagte ich dann der Fotografin bescheid, dass sie so langsam doch vorbeikommen kann. Sie soll aber bitte nicht böse sein, wenn ich sie wieder rausschicke. Als sie 15.30 Uhr da war, nahm ich wieder mit dem Badezimmer vorlieb und vertönte meine Wehen für mich.

Sie kamen seit um drei Uhr ca. aller 5 Minuten, waren aber gut aushaltbar. 15.40 Uhr ging ich zurück ins Wohnzimmer und konnte 15.50 Uhr endlich in den Pool. Das tat gut. Nach der ersten Wehe im Pool konnte ich meine Kraft noch einmal sammeln, da es eine längere Wehenpause gab. Dann kam die Übergangsphase und es wurde heftiger. Die Fruchtblase platzte 16.06 Uhr und ich fühlte nach dem Babykopf, welcher noch weit hinten war. In Gedanken war ich sicher, dass es noch eine Weile dauern wird, bis das Baby geboren wird. Ich verdrängte den Gedanken, dass bei den anderen Geburten die Kinder innerhalb von fünf Minuten nach dem Blasensprung da waren. Auch hier war mein Gefühl falsch, denn das Baby wollte prompt geboren werden. So kam in der nächsten Wehe der Kopf und in der folgenden Wehe der Körper hinter her.

16:13 Uhr

Tamo Jarik wurde 16:13 Uhr in meine Hände geboren. Ich nahm ihn aus dem Wasser. Nun ging es doch wieder so schnell, mir eigentlich zu schnell. Aber gut, so war es schnell hinter uns gebracht und wir konnten das Baby bewundern. Mein Mann sollte gleich die zwei „kleinen“ Jungs holen, so dass auch sie ihren Bruder begrüßen konnten. Der große Sohn war auf dem Spielplatz und kam ca. 15 Minuten später dazu. Sie waren total glücklich, genauso wie wir Eltern und bestaunten unser Baby. Der bisher Kleinste zeigte keinerlei Eifersucht, er lachte und freute sich über dieses kleine Wesen.
Die Plazenta wollte im Pool nicht kommen, so dass ich noch ca. 20 Minuten den Pool verließ und aufs Sofa umsiedelte. Mir war total kalt und ich zitterte, gefühlt waren es tausend Nadelstiche die auf mich einpicksten. Zum Glück wurde mir zugedeckt schnell warm.

Eine Stunde später hockte ich mich vors Sofa und gebar die Plazenta. Auch das völlig problemlos. Danach sagten wir dann der Hebamme bescheid, dass sie sich in den nächsten Stunden gern auf den Weg machen darf, um unser Baby kennenzulernen. Sie war zwischen 18 bis 20 Uhr da, untersuchte unser Baby für die U1 und schrieb den ganzen Papierkram. Tamo war 3700g schwer und 53 cm groß, der Kopfumfang betrug 36 cm.

Die zwei Wochen mehr im Bauch haben sich also bemerkbar gemacht. Er war mein schwerstes Baby, aber außer kleinen Schürfungen blieb ich unverletzt.
Mein Körper hat auch diese Geburt toll gemeistert, ich konnte die Wehen gut ertragen und hatte keine Sekunde Angst. Ich fühlte mich sicher und geborgen und hatte ein wunderbares Urvertrauen in mich. Selbst die Übergangsphase nahm ich nicht als solche war und konnte sie erst danach wirklich realisieren. Ich bin froh und sehr dankbar, die Geburt so erlebt zu haben und kann nur alle Frauen ermutigen, ihrem Körper und in ihre eigenen Gebärfähigkeiten zu vertrauen.

Ich wünsche jeder Frau so eine selbstbestimmte Geburt.

Danke liebe Mandy für eure Geburtsgeschichte! Ich wünschte mehr Frauen würden sich unter der Geburt wohler fühlen und könnten selbst bestimmen wo und wie sie ihre Kinder gebären wollen. Danke das du deine Erfahrung mit uns teilst.

Mehr über Mandy findet ihr auf ihrem Blog „Gemeinsam frei Leben„.

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By | 2017-06-25T17:02:49+00:00 12. September 2016|Categories: Geburtsbericht|2 Comments
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About the Author:

Katarina (30) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und Instagram.

2 Comments

  1. Eva 14. September 2016 at 19:54 - Reply

    Respekt. Ich würde es mir überhaupt nicht zutrauen!
    Falls was unerwartetes passiert, sollte schon jemand da sein, der sich damit auskennt. Also meine Empfindung

    Viele Grüße,
    Eva

  2. Gloria 1. Januar 2017 at 22:30 - Reply

    Schöner Artikel. Finde ich echt mutig von dir. Ich kenne viele die auch über eine Alleingeburt nachdenken, es sich aber nicht zutrauen. Vor allem nicht wenn es die erste ist… Gehört schon viel Mut und Selbstvertrauen dazu, wie ich finde.

    Gruß,
    Gloria

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