Phils Geburt

Ich bin Pia, 29 Jahre alt, und freue mich zusammen mit meinem Mann D. auf unser drittes Kind. Weil wir das letzte Mal absolut begeistert davon waren, wünsche ich mir auch diesmal wieder eine ambulante Geburt, das heißt, das Krankenhaus einige Stunden nach der Entbindung wieder verlassen zu können. Ende August 2015 setzen mit 11 Tagen Verspätung die Wehen ein.

Es geht los

Es ist nachts 3.40 Uhr, als ich von einer Wehe geweckt werde. Im Gegensatz zum Geburtsbeginn bei Lena bin ich mir diesmal ziemlich sicher, dass es nun losgeht. Ich warte noch etwas ab, bis ich D. wecke. Nach einigen weiteren Wehen, die von Anfang an in regelmäßigen 10- bis 13-Minuten-Abständen kommen, stehen wir auf. Es folgt das reguläre Frühprogramm, wenn auch ein wenig zeitiger als an einem normalen Samstag. Duschen, Anziehen, Frühstück vorbereiten. Inzwischen sind auch die Mädchen wach, denen unser geschäftiges Tun natürlich nicht entgangen ist. Sie haben heute volles Programm mit Oma und Tante beim Festumzug im Nachbardorf. Ich rufe meine Mutti an.

Die ganze Zeit überlege ich, ob ich mich schon bei meiner Hebamme melden soll. Einerseits verkürzen sich die Wehenabstände noch nicht wirklich, andererseits habe ich noch ihre Warnung im Ohr, bloß nicht zu lange zu warten, da die dritte Geburt häufig sehr schnell und heftig verläuft. Kurz nach 5 rufe ich sie dann endlich an. Sie hat heute regulär Frühdienst in und bestellt uns sofort ins Krankenhaus – Treffpunkt um sechs vorm Kreißsaal.

D. lädt Klinikkoffer und MaxiCosi ins Auto. Inzwischen ist Mutti bei uns eingetroffen und kümmert sich darum, dass Nele und Lena in Ruhe ihr Müsli aufessen können. Anschließend werden sie nebenan bei meinen Eltern noch mal ausgiebig frühstücken und später von D.s Mutti abgeholt. Wir verabschieden uns und starten Richtung Krankenhaus.

Im Krankenhaus

Dort angekommen werde ich im Kreißsaal ans CTG angeschlossen. Meine Hebamme erklärt bedauernd, dass gerade unheimlich viel los ist und sie nur hoffen kann, genug Zeit für uns zu haben. Sie ertastet noch den Muttermund bei 4 cm, dann lässt sie uns vorerst allein.

Ich beginne, Runden zu laufen und auf dem Gymnastik-Ball zu schaukeln, D. holt im Stuhl in der Ecke etwas vom verpassten Nachtschlaf nach, und lange passiert nichts weiter. Meine Hebamme schaut ab und zu nach uns, verschwindet aber meist gleich wieder zu den fortgeschrittenen Geburten in den anderen Kreißsälen. Gegen 9 Uhr gibt sie mir Globuli, die mir D. viertelstündlich verabreichen soll, und dazu ein Öl zum Einreiben des Bauches – beides mit dem Ziel, die Wehen anzuregen, die bis jetzt eher seltener geworden sind. Der Muttermund ist immer noch nur 5 bis 6 cm geöffnet, viel hat sich also nicht getan. Weil es bei den anderen Geburten plötzlich wieder hektisch wird, verschieben wir die zunächst angedachte Geburtsbeschleunigung per Öffnung der Fruchtblase auf später. Kurz nach 10 Uhr nehmen die Wehen dann allerdings von ganz allein deutlich an Intensität zu. Mich übermannt plötzlich die Panik und ich klingele nach einer Hebamme – meine ist nicht da, die Schmerzen sind furchtbar, ist meine Atemtechnik überhaupt richtig, wie um Himmels Willen soll ich das durchhalten bis zum Ende??? Die herbeigerufene Hebamme beruhigt mich, dass ich alles richtig mache, und meint, meine Hebamme würde bald kommen.

Am Ende meiner Kräfte

Ab dann wird meine Erinnerung verschwommen. Als meine Hebamme endlich da ist, liege ich bereits mit dem Gesicht nach unten, die Hände um die Haltegriffe des Bettes geklammert.

Sie öffnet die Fruchtblase; die Wehen sind auf ihrem gefühlten Höhepunkt und kommen scheinbar ohne Pause.

Schließlich befördert mich meine Hebamme in die Seitenlage. Ich bin nicht mehr in der Lage, dies ohne ihre Hilfe zu tun. Am Rande nehme ich wahr, dass eine Ärztin hinzukommt. Ich fühle mich vollkommen ausgelaugt.

Irgendwann kommt Babys Köpfchen in Sicht. Diesmal muss ich es ertasten, um mir selbst wieder Kraft zu geben. Das hilft. Das und D.s Beistand, der mir immer wieder mit dem Waschlappen die Stirn kühlt, mir beruhigende, Mut machende Worte zumurmelt.

Endlich, nach einigen langen, kräftezehrenden Presswehen, wird das Köpfchen geboren. Unheimliche Erleichterung durchströmt mich, auch wenn ich die folgende Wehe, die den Körper des Babys ins Licht der Welt befördert, doch noch einmal überraschend heftig wahrnehme. Ab dann geht es aufwärts, emotional und körperlich.

11.55 Uhr nehme ich unter Tränen mein Baby entgegen, bedecke es mit unzähligen Küssen, streichle wieder und wieder seine runzlige Haut.

Später baden und vermessen meine Hebamme und D. den Kleinen: Er soll Phil heißen, ist beachtliche 54 Zentimeter groß und 3.910 Gramm schwer.

Schlechte Nachrichten

Im Bett werde ich aus dem Kreißsaal in den Wehenraum gerollt. Die erste Erholungsphase nach der Geburt verläuft etwas langsamer als bei der letzten Geburt. Das Laufen bereitet mir Probleme. Ich habe plötzlich extremen Durst und Hunger: Der Nudeleintopf, den ich bekomme, erscheint mir als köstlichste Mahlzeit seit langem.

Dann kommt der Kinderarzt, um die U1 vorzunehmen. Ich habe von Beginn an ein schlechtes Gefühl. Meine Hebamme hat mich vorgewarnt, dass im Krankenhaus seit längerem auffällige Herzgeräusche zur U1 festgestellt werden, und zwar insbesondere bei ambulanten Geburten. Und siehe da: Der Arzt teilt uns mit, eigentlich sei alles in Ordnung mit Phil, aber er höre Herzgeräusche, die – eventuell harmlos, eventuell pathologisch – der Überwachung im Krankenhaus bedürfen, womit ein Verlassen der Klinik mit ihm nur entgegen seinem ärztlichen Rat möglich sei. Meine Hochstimmung verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist, und ich falle in ein tiefes Loch.

D. und ich besprechen uns, möchten aber beide im Grunde unseres Herzens Phil mit nach Hause nehmen. Als der Arzt später mit D. allein ist, versucht er noch einmal, ihn vom Bleiben zu überzeugen. Er hört die Herztöne erneut ab und stellt eine leichte Verschlechterung fest.

Die Entscheidung

Ich will das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder verlassen. Ich will mit meinem Baby nach Hause. Meine Gefühle fahren Achterbahn: Ist es die richtige Entscheidung, Phils Leben beginnen zu lassen mit einer Entlassung aus dem Krankenhaus „gegen ärztlichen Rat“, weil er Herzgeräusche aufweist, die „ein hohes Risiko“ für einen „kardiologisch abzuklärenden Herzfehler“ bergen?

phils geburtsbericht

Bildrechte: Pia J.

Und doch sagt unser Bauchgefühl uns, dass alles gut ist. Dass Phil gesund ist. Und so verlassen wir das Krankenhaus kurz nach 16 Uhr. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, fühle ich, wie die Anspannung von mir abfällt. Immer gelöster werde ich, und schon bald kehrt das unbändige Glücksgefühl zurück, einen Menschen geboren zu haben. Mit einem Schlag wird mir bewusst: Jetzt geht es los, unser neues Leben zu fünft.

Danke liebe Sarah für eure Geburtsgeschichte! Ich wünschte mehr Frauen würden sich unter der Geburt wohler fühlen und im Krankenhausalltag würde man nicht so schnell zur Routine werden. Deine beiden anderen Geburten werde ich auch noch veröffentlichen und ich bin gespannt ob es bei den nächsten für dich schöner wurde. Danke das du die Erfahrungen mit uns teilst.

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By | 2017-06-25T17:02:48+00:00 29. September 2016|Categories: Geburtsbericht|Tags: |2 Comments

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Artikel von Leserinnen und Lesern werden unter dem Namen "Gastautor" gebündelt. Wer genau was geschrieben hat, steht immer im entsprechenden Beitrag.

2 Comments

  1. D. 29. September 2016 at 13:34 - Reply

    Schön geschrieben und wie ging es denn weiter? War da jetzt tatsächlich ein Herzfehler?

    • Pia 29. September 2016 at 19:48 - Reply

      Danke 😉 Die Kinderärztin hat zur U3 dann tatsächlich immer noch ein Herzgeräusch gehört, wenn auch ziemlich leise. Sie hat uns zur Abklärung zur Kinderkardiologie geschickt. Dort wurde bei Phil ein winziges Loch im Herzen festgestellt, welches auch für die Geräusche verantwortlich war. Die Ärztin hat sich sehr viel Zeit für uns genommen und uns erklärt, dass das relativ häufig vorkommt und die meisten dieser Löcher mit der Zeit zuwachsen. Ein Restrisiko bleibt allerdings, deswegen mussten wir erst viertel-, inzwischen halbjährlich zur Kontrolle in die Kinderkardiologie. In wenigen Tagen haben wir übrigens die nächste Untersuchung und hoffen, dass das Loch nun komplett verschwunden ist.

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