Fridas Kinder gehen nicht in den Kindergarten

Frida lebt mit ihren zwei Mädels (und ihrem Mann) inzwischen schon einige Zeit Kindergartenfrei*. Anlass genug für mich, deren Kinder auch Kindergartenfrei aufwachsen, sie mal zu befragen wie das denn so ist. Ohne Kindergarten. Schliesslich kennt sie (kennen ihre Kinder) beide Welten. Los gehts!

*Kindergartenfrei bedeutet (eigentlich logisch) dass Kinder nicht zu einer Tagesmutter, einer Kinderfrau oder eben in einen klassischen Kindergarten zur Betreuung gebracht werden. Sie bleiben zu Hause und werden von der Mutter oder dem Vater betreut.

Wie seit ihr zu Kindergartenfrei /Selbstbetreuung gekommen?

Wenn ich jetzt sage „Wie die Jungfrau zum Kinde“ ist das nicht ganz so passend, oder? Naja, eigentlich habe ich es nie in Frage gestellt, dass mein Kind in den Kindergarten geht. Und dann hat es halt nicht geklappt – ich probierte es mehrere Monate und habe schlussendlich akzeptiert, dass es nicht unsere Lösung ist, zumindest im Moment.

Anfangs sah es jedenfalls ganz gut aus, meine Tochter Peanut passte sich sehr an, die Erzieherinnen gaben sich Mühe mit ihr, und als ich dann nach etwa zwei Wochen komplett zuhause bleiben konnte, sahen die Erzieherinnen den Auftrag als erledigt an und kümmerten sich nur noch sporadisch. Als Peanut dann öfters weinte, riefen sie mich entgegen unserer Absprache nicht an, und mein Kind entwickelte zuhause sehr krasse Verhaltensweisen. Sie weinte viel, hatte regelrechte Panikattacken, schlief total schlecht und auch sehr spät ein. Morgens brüllte sie nur noch, wollte nicht in den Kindergarten – als ob ich sie zur Schlachtbank schleppen wollte. Also blieb ich wieder dabei. Anfangs war das ok für die Erzieherinnen, nach und nach stieß ich auf Unmut. In einem Elterngespräch kam es dann knüppelhart – ich sei eine Helikoptermutter und alles wäre meine Schuld, das Kind sei doch angekommen und ich könne nicht loslassen. Dabei hatte ich das getan, mich voll auf deren Tempo eingelassen und nicht auf die Bedürfnisse meiner Tochter. Selber Schuld, ne. Ich blieb gegen den Willen der Erzieherinnen und man ignorierte mich. Irgendwann hatte ich dann keine Kraft mehr, zumal ich ja zwei Kinder habe, die Kleine lernte sozusagen dort Laufen – haha.

Wie hat euer Umfeld auf Kindergartenfrei reagiert?

Meine Eltern, die in der Nähe wohnen, stehen immer hinter mir. Sie haben gesehen, wie es Peanut ging, und mir auch geglaubt, was ich erzählt habe, also stand es nicht zur Debatte. Viele Freunde haben mir geraten, dran zu bleiben und zu kämpfen, eine Freundin, Kindertherapeutin, meinte, ich solle auf mein Bauchgefühl hören. Wenn ich jetzt andere kennen lerne, und wenn es nur auf dem Spielplatz ist, reagieren total irritiert und ziehen sich erst mal zurück. Wer weiß, was die denken, vielleicht, dass ich in einer Sekte bin oder so.

Wie geht es den Kindern jetzt damit?

Super. Lässt sich nicht anders sagen. Meine kleine Tochter, Little Pea, war immer ziemlich fertig, weil ich sie entgegen ihres Schlafrhythmus’ in den Kindergarten geschleppt hatte und dort durfte sie ja nichts machen, weil wir überall gestört haben. Peanut war total durch den Wind und hat einige Zeit gebraucht, bis sie nicht mehr von Angst beherrscht war. Mittlerweile ist sie zunehmend ausgeglichener und kann sich auch wieder von mir lösen, bleibt jetzt auch mal einen halben Tag bei einer Freundin oder so. Im Vergleich: vorher hat sie gebrüllt, wenn ich alleine aufs Klo gegangen bin.

Wie geht es dir damit?

Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich mich nach so langer Zeit endlich dazu durchgerungen habe. Ich habe jeden Tag Bauchweh gehabt, da hin zu gehen, weil ich mir so bescheuert vorkam – die unsichtbare Mutter, die überall stört. Und wenn ich sehe, dass es meinen Kindern gut geht, kann es mir ja nicht schlecht dabei gehen. Ich frage mich natürlich, wie ich all das kompensieren kann, was ein Kindergarten bietet, und versuche, diverse Gruppen zu finden und neue Bekanntschaften zu machen.

Was machst du jetzt den ganzen Tag?

Oh, der ist relativ chillig. Wenn man von den ganzen Wutanfällen absieht, versteht sich. Wir stehen gemütlich auf (gehen aber auch sehr spät ins Bett leider), kuscheln, frühstücken zusammen, dann machen wir uns zusammen im Bad fertig. Wenn ich es zeitnah schaffe, beide fertig zu machen, gehen wir raus ansonsten wird drin gespielt. Mittags muss die Kleine schlafen. Nachmittags gehen wir in einen Kurs, treffen uns mit Freunden oder gehen raus. Ich gehe auch total gern in den Wald, das ist mir wichtig.

Geschwister laufen auf der Wiese, frida mercury von dem Blog 2kindchaos im Interview über das Leben ohne Kindergarten

Bildrechte: 2kindchaos.com

Bist du inzwischen von Kindergartenfrei überzeugt oder würdest du es nochmal versuchen, wenn sich die Chance bietet?

Ich denke, es ist wichtig, dass Kigafrei zur ganzen Familie passt, deshalb würde ich es nicht pauschal als optimale Lösung für alles und jeden stilisieren. Für uns ist es momentan das Beste, was uns passieren konnte, und ich bin sehr happy damit. Meine Kleine wird auf jeden Fall nicht mit 3 in den Kindergarten kommen. Vielleicht später, da werde ich aber schauen, wie sie sich so entwickelt hat und was sie individuell braucht und möchte. Die Große will vielleicht mit 5 noch mal gehen, oder auch nicht. Das wird die Zeit zeigen.

Was hältst du von Schulfrei/Freilernen?

Ich habe selbst sehr schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht, wobei ich die Grundschule gern mochte. Freilernen überzeugt mich immer mehr, da ich jetzt im Alltag sehe, wie sich die Interessen der Kinder entwickeln und wie ich darauf eingehen kann. Aber ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass meine Kinder alles Schulwissen drauf haben, da muss sich eine andere Lösung finden. Eine geeignete Schule oder so, ich hab es auf dem Schirm, eine zu suchen.

Hat du manchmal Angst das deine Kids etwas nicht können was Kiga Kinder können? (sozial/motorisch)

Ich muss sagen, dass ich das mal mehr hatte. Im Gegenteil merke ich, dass mein ängstliches Kind sich gerade sehr gut entwickelt und von sich aus ihre ersten Flüge aus Mamas Nest startet. Ich hätte für sie gern mehr Anbindung an andere Kinder, einfach weil es schöner wäre, aber such die erst mal. Muss ja auch mit den Eltern passen. Ich hab das Gefühl, dass viele kein Bedürfnis haben, uns kennen zu lernen, weil sie schon an Kontakten gesättigt genug sind.

Welchen Satz kannst du inzwischen nicht mehr hören?

Der Satz an meine Tochter gerichtet „Gell du gehst schon in den Kindergarten.“ Einfach, weil sie so das Gefühl bekommt, nicht normal zu sein und weil es außerdem alle Konversation auf dieses Thema reduziert. Erinnert mich auch an das nervige „Und wie ist die Schule so.“ Den Leuten fällt offenbar nichts anderes ein.

Was würdest du anderen Eltern raten?

Das was ich immer sage an dieser Stelle: Hört auf euer Bauchgefühl. Es ist euer Kind und ihr kennt es am Besten.

frida mercury von dem Blog 2kindchaos

Bildrechte: 2kindchaos.com

Danke für das Interview Frida! Einige deiner Erfahrungen kann ich unterschreiben. Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Spass zu Hause.

Wer jetzt mehr von Frida lesen möchte, findet sie auf ihrem Elternblogazin 2KindChaos, schaut mal vorbei!

By | 2017-03-14T13:42:57+00:00 14. November 2016|Categories: Interviews|1 Comment
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About the Author:

Katarina (30) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und Instagram.

One Comment

  1. Tamara 9. März 2017 at 14:47 - Reply

    Schönes Interview!
    Frida ist diejenige, von der ich mir den Mut abgeschaut hab dazu zu stehen, dass meine Tochter erstmal kindergartenfrei bleibt. Wir fühlen uns im Moment sehr wohl damit und ohne ‚Vorbilder‘ wie sie wäre ich vllt längst schwach geworden und hätte dem Druck von außen nachgegeben.
    💜
    Mara

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