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Wie ist es ein Kind zur Welt zu bringen?

Idas Geburt, Miriams Geburtsbericht

Ja, wie es ist ein Kind zur Welt zu bringen das wusste ich schon von der ersten Geburt. Schmerzhaft, überwältigend, voller Emotionen. Ich hatte keinen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, hatte wenig darüber gelesen und bin mit der festen Überzeugung in das Abenteuer gestartet, dass mein Körper schon wissen würde was gut für ihn ist. Das ich lesen und meine Geburt vorbereiten konnte bis zum abwinken und später sowieso etwas Unvorhergesehenes passieren würde. Ja, ich wusste natürlich von Geburtshäusern, Hausgeburten, schmerzlindernden Maßnahmen, Wehen förderndem Himbeertee. Aber ich habe mir nicht den Kopf darüber zerbrochen. Weil ich es nicht wollte. Weil ich ein Kind gebären wollte, dass mein Leben zum überquellen voll mit Liebe und Momenten füllen würde.

Ich lese gerne über Hausgeburten, über all die Gedanken, die Mütter sich machen. Ich finde das schön, rührend. Ich bin sicher, dass es ein guter, warmer, inniger Start ins Leben ist. Aber ich habe manchmal auch das Gefühl all den Müttern, die ihre Kinder in Krankenhäusern gebären zu sagen: das ist kein schlechter Start. Das ist nicht auf ewig traumatisierend. Eine Geburt ist wichtig, ein Geburtserlebnis unwiederbringlich. Aber darauf folgen Tage, Wochen, Monate und Jahre in denen man ein Kind liebt, auffängt, trägt, begleitet. Wenn die Vorstellung von der perfekten Geburt sich nicht bewahrheitet, dann ist es wahrscheinlich das Schlimmste an ihr festzuhalten.

Das Kind kommt bestimmt vor dem Termin!

Ich hatte keine Vorstellung von meiner ersten Geburt. Und vor der zweiten habe ich die Erinnerungen an die erste lange verdrängt. Wir hatten gerade eine neue Wohnung gefunden. Emil hat seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Wir würden erst drei Monate nach dem errechneten Geburtstermin einziehen. Es war also noch Zeit. Gut, Geburtstermine verschieben sich ja gerne mal. Emil kam eine Woche vor dem Termin. Und natürlich sind alle ganz naiv wenn sie einem sagen: Dann kommt das zweite auch eher!

Ich habe erst mal einen Urlaub auf Bornholm gebucht. Da würde das Baby dann 8 Wochen alt sein. Da kann man ja schon reisen. Dänemark ist ja für uns Norddeutschen nahezu um die Ecke. Vorher galt es aber noch eine Küche für die Wohnung auszusuchen. Ida würde ein Sommerkind werden. Errechneter Termin 12 Juli. Und während der Sommer sich von seiner schönsten Seite zeigte begann ich zu warten. Hatten nicht alle gesagt sie käme früher? Oder wollte nur ich selbst das glauben? War ich nicht längst zu rund, zu schwer, zu behäbig? Emil und ich radelten ein bisschen durch das heiße Hamburg. Der Anhänger zog sich von Tag zu Tag schwerer. Wenn ich ihm zusah, wie er in den Hamburger Parks in den Planschbecken herumspritze fühlte ich nie nur Ungeduld. Und Neugier. Ich fühlte immer auch Abschied. Dieser kleine Mensch mit den weichen blonden Locken, der noch eine Windel trug, der Abends auf meinem Bauch einschlief. Den würde ich jetzt nicht mehr alleine haben. Nicht mehr alleine mit all meiner Liebe überschütten. Und Emil würde mich nicht mehr alleine haben. Kann man zwei Kinder gleich doll lieben? „Ja, das kann man,“ hatte mein Papa mir versichert. „Du musst die Liebe nicht teilen. Sie wird einfach größer. Dann reicht sie für zwei oder drei oder zehn.“

Der Geburtstermin strich vorbei, na gut, dann eben nicht. Die Küche war ja auch noch nicht ganz fertig zusammen gestellt.

Ungeduld ist nicht gleich Ungeduld

Emil und ich fuhren tagsüber ganz weit den Elbstrand runter. Dann schleppte ich mich den Hügel runter. Mit Gepäck, Buggy und Emil. Je mehr ich wartete, desto weiter hinauf zog es mich den Elbstrand. Im Stillen dachte ich: hier kann kein Krankenwagen herkommen. Hier muss ich mich mit Wehen den ganzen Hügel wieder hoch schleppen. Ich dachte, das sei eine gute Situation um die Geburt herauszufordern. Aber sie wollte nicht. Am späten Nachmittag schob ich den dicken Bauch, den Buggy, das Gepäck und den müden Emil den Hügel wieder rauf. Vielleicht hat der Blick über den Hafen einen entschädigt, vielleicht die Stunden mit Emil am Strand, diese kleinen, speckigen Beinchen im seichten Wasser der Elbe, aber Abends war ich müde und trotzdem rastlos. Ich hatte schlechte Laune. Ich wollte diesen riesigen Bauch nicht mehr tragen.

Bei Emil war ich damals neugierig, aufgeregt und auf eine andere Art ungeduldig gewesen. Emil würde uns zur Familie machen. Alles verändern. Bei Emil würde ein erstes Mal Schlag auf Schlag auf das nächste Folgen. Mich bis ins tiefste Innere für immer verändern. Aber ich war ruhiger. Weniger rastlos. Ich konnte warten. Es war eine Vorfreude des Wartens. Bei Ida war es nur noch absitzen. Ich wollte, dass sie endlich da ist. Ich wollte nicht mehr mehrmals täglich bis in den dritten Stock eines Altbaus kraxeln, meistens mit Emil auf dem Arm oder dem Einkauf. Ich wollte manchmal gerne schlafen, aber Emil war hellwach. Ich wollte manchmal gerne einfach nur allein sein, aber Paul kam selten vor 21 Uhr nach Hause.

Einleiten geht nicht, ich bin verabredet und habe Kuchen im Auto!

Dann muss man sich eben auf die Küche konzentrieren. Also noch mal in den Laden, noch mal messen. Und es wurde immer heißer. Es war ein Samstag. Freunde erkundigten sich ob wie Abends mit ihnen im Eppendorfer Park picknicken wollen. Wir fuhren vom Küchenladen zum Bäcker und besorgten Kuchen und Baguettes. Ich musste nur ganz schnell zum CTG in die Klinik. Meine Hebamme schrieb mir eine SMS es sei sehr ruhig. Ich könne einfach irgendwann kurz vorbei kommen.

Emil und Paul verabschiedeten sich vor dem UKE. „Wir gehen schon mal in den Park.“ Ja, bis gleich. CTG alles klar. Keine Wehen. Dann mal los zum picknick. „Einen Moment noch,“ wand meine Hebamme ein. „Wir machen noch schnell ein Ultraschall.“ Vielleicht ist das der Kollegen Bonus von Paul? Alle Ärzte duzen mich, alle sind sehr nett, alle sagen, ach, Paul, ja kenne ich! Und dann das: „Wir schätzen das Baby auf 4,5 Kilo. Und du bist 8 Tage drüber. Wir sollten das einleiten. Sonst wird es irgendwann schwierig es auf normalem Weg zur Welt zu bringen.“ Warum genau muss ich jetzt heulen?

„Gut, dann morgen,“ sage ich. Morgen ist gut. Da starte ich gestärkt und ausgeschlafen in die Geburt. Die Idee finde anscheinend nur ich gut. „Besser heute,“ sagt meine Hebamme.

„Aber ich bin verabredet!“ sage ich. „Und ich habe Kuchen im Auto!“

Eine halbe Stunde später sitze ich am Fenster in einem Krankenhauszimmer und trinke einen Wehencocktail. Ich fühle mich wie eine tickende Zeitbombe. In diesem Zimmer mag ich nicht sein. Eine Kliniktasche hab ich auch nicht. Aber immerhin Kuchen. Also gehen wir mit Emil zur Villa Gabrecht und setzen uns in die laue Abendsonne in den Garten ins Gras und essen Kuchen. Der Garten ist ganz verwunschen. Mitten auf dem Klinkgelände. Jemand hat eine Feuerstelle gemacht, Emil sieht den Ameisen zu. Paul und ich küssen uns. Emil sitzt lange eng an mich geschmiegt auf meinem Schoß. Ein letztes Mal. Irgendwie ist alles surreal und schön. Und ganz still. Meine Eltern kommen vorbei um Emil abzuholen. „Weißt du, Mama, sei nicht traurig. Morgen kannst du wieder hopsen!“ Das stimmt. Die ganzen letzten Wochen habe ich ihn vertröstet mit „Mama kann nicht mehr hopsen. Ich bin zu schwer“

Also Wehen bekomme ich von diesem Cocktail keine, aber während Paul und ich durch die Abendsonne laufen einen Blasensprung. Hatte ich bei Emil auch. Ich konnte sogar das Geräusch hören. Wahnsinn. Dummerweise genau vor der Bibliothek. Studenten gehen rein und raus, ich stehe da in meinem Sommerkleid als würde ich neben den Eingang pinkeln. Am liebsten würde ich voller Euphorie schreien: „Ich bekomme ein Kind!“ Mich beachtet aber niemand. Dann merke ich, ich sollte mich vielleicht ein bisschen beeilen. Paul und ich rennen zum Fahrstuhl. Ein Freund tritt zufällig aus der offenen Fahrstuhltür. „Hey,“ beginnt er erfreut aber ich schupse ihn zur Seite. „Ich kriege jetzt ein Kind!“ sage ich. Und muss selbst ein bisschen lachen.

Ich bin kaum oben angekommen, vielleicht zehn Minuten nach Blasensprung, da sagt meine Hebamme: „7 cm. Wenn sie es jetzt eilig hat, kommt sie.“ Ich bin noch gar nicht so weit! Idas Geburt überrumpelt mich. Wegatmen, Wehenpausen, das gibt es alles nicht. Ida will jetzt mit Macht raus. Ich hoffe das Wasser ist schnell genug in der Wanne. Mein Körper fühlt sich an als würde ich in der Mitte zerreißen. Ich schreie bei jeder Wehe mit. Aber zwischen den Wehen ist alles anders. Ich lache viel. Kurz aber herzlich. Ich bin nicht so unsicher wie bei Emil. Ich weiß, ich werde dieses Zimmer mit einem kleinen Baby verlassen. Ich bin nicht krank. Ich lasse mich da durch tragen weil ich weiß was ich am Ende dafür bekomme. Und das viel schneller als gedacht. Mein Körper wird gesprengt. Jetzt kommt sie, denke ich. „Ich sehe viele schwarze Haare,“ lacht meine Hebamme. Vielleicht ging es Ida ein bisschen zu schnell. Die Herztöne verringern sich in nur wenigen Sekunden drastisch. Auf einmal sind viel mehr Menschen da. Ich will jetzt, dass sie raus kommt. Aber alle reden vehement auf mich ein, ich soll die Wanne verlassen. Die spinnen doch, denke ich. Ich kann doch jetzt nicht aufstehen. Sie ist doch so gut wie da! Irgendwer hilft mir hoch. Ich tropfe. Über den Wannenrand steigen ist eine Qual. Zwei Wehen später ist sie da. Schwarze Haare und ein Gesicht wie meine Oma. Das erste was ich denke ist, sie sieht freundlich aus. Bis heute wird das ihre Hauptcharaktereigenschaft sein.

Ich ertappe mich dabei wie ich denke: War es das? Ist es nicht irgendwie absurd, dass es jetzt schon vorbei ist? Ich liege da und betrachte dieses kleine, schwarzhaarige Wesen, dass ich noch nie gesehen habe. Sie atmet ganz ruhig, trinkt und schläft wieder ein. „Und ich dachte, ich müsste lange Überstunden machen,“ lacht meine Hebamme. „Aber das ging ja schnell.“

Baby und Kleinkind nach der Geburt, Geburtsbericht

Bildrechte: Miriam B.

Als ich meine Eltern anrufe sagt meine Mama „Wir haben Emil gerade erst ins Bett gebracht. Geht es schon los?“ „Sie ist schon da,“ sage ich. Ein Satz der einen jedes Mal überwältigt. Egal ob man ihn selbst sagt oder von anderen hört. Paul und ich überlegen, ob wir nach Hause fahren. Aber ich habe schrecklichen Hunger. Wir finden einen Automaten in dem es Chips gibt. Im halbdunkel sitzen wir neben der schlafenden Ida auf dem Bett und essen Chips. Niemand stört uns. Alle lassen uns in Ruhe. Ich bin geduscht und hungrig, ich sitze im Schneidersitz auf einem Krankenhausbett und sehe meine Tochter an die erst seit ein paar Stunden auf der Welt ist. Und ich denke, ich habe mehr losgelassen als bei Emil. Ich war bereit. Ich wusste was kommt. Ich fühle mich frei und stark zugleich. Mein Körper und ich sind Freunde geworden. Dinge, die ich ihm bei der ersten Geburt übel genommen habe, habe ich ihm verziehen. Er hat seine Aufgabe gut gemacht. Wir sind versöhnt. Die Schwäche die ich nach Emils Geburt gefühlt habe fehlt. Und es war wieder so: Ich hatte keine Vorstellung von der perfekten Geburt. Ich wusste, sie würde so oder so kommen wie sie es will. Und ich habe mich darauf eingelassen. Ich habe meinen Körper entscheiden lassen. Und diesmal hab ich ihm mehr Freiraum gegeben. Ich habe mich auf ihn verlassen. Ich habe ihn nicht gebremst. Und mich nicht gefürchtet. Und er hat es mir gedankt.

Ein paar Stunden später trägt Paul Ida die drei Stockwerke hoch in unsere Wohnung. Als wäre sie schon immer da gewesen. Und eine große Liebe nimmt ihren Anfang. Zwischen Ida und uns, aber noch viel mehr zwischen Emil und Ida.

Baby und Kleinkind nach der Geburt, Geburtsbericht

Bildrechte: Miriam B.

Danke liebe Miriam für eure Geburtsgeschichte! Danke das du deinen Geburtsbericht mit uns teilst. Mehr von Miriam könnt ihr auf ihrem Blog Emil und Ida lesen, den ich euch nur ans Herz legen kann.

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By | 2017-06-25T17:02:42+00:00 20. November 2016|Categories: Geburtsbericht|0 Comments

About the Author:

Katarina (32) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013), dem Dino (*2017) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Instagram, Facebook und auf Pinterest.

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