Nini findet ein leeres Schneckenhaus im Garten

Kindergartenfrei? In der Schweiz Alltag!

Lesezeit: 4 Minuten

Rachel und ich, wir folgen uns schon lange auf Twitter. Sie wohnt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann in der Schweiz, und fragte mich gestern ob sie nicht vielleicht einen Gastbeitrag bei mir veröffentlichen dürfe zum Thema „Kindergartenfrei in der Schweiz“. Na klar darf sie das, denn ich finde es total spannend wie das Thema Kindergarten anderswo gehandhabt wird. Hier kommt ihr Artikel. Danke für die Einblicke, liebe Rachel.“

Seine Kinder ohne Kindergarten gross zu ziehen, scheint in Deutschland en Vogue zu sein. Oder findet immer mehr Anhänger. Die Gründe sind mannigfaltig – Schichtdienste, keine Lust, kein Platz. Es spielt keine Rolle. Denn was ich bei Berichten immer wieder herauszulesen meine – ich unterstelle das nicht – ist: Unterschwellig ist immer Rechtfertigung da.

Warum? In der Schweiz ist das Alltag. Um das zu verstehen, hier ein kleiner Exkurs zum Schweizerischen Schulwesen. Die Schweiz hat 26 Kantone und es läuft überall anders. Die einen praktizieren das System HarmoS, in dem der Kindergarten ab vier Jahren obligatorisch ist. Stichtag irgendwann unter dem Jahr. Wo ich wohne, zehn Autominuten von Maienfeld (Heidi!!!) entfernt, eher ländlich-konservativ, wurde HarmoS aus eben diesem Grund abgelehnt.

Was irgendwie noch lustig ist: Kinder kommen in dem Jahr in den Kindergarten, in dem sie fünf werden. Das Schuljahr beginnt Mitte August. Wer wie mein Ältester im November geboren ist, kommt also auch mit vier in den Kindergarten. Es gibt Kantone, in denen ist der Kindergarten freiwillig, in anderen obligatorisch. Wo ich wohne, ist nur ein Jahr obligatorisch. Aufschub ist in der Regel kein Problem. Euer Kindergarten ist im Prinzip unsere Vorschule, weil es Teil des Schulsystems ist.

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Davor ist: Nichts.

Nicht ganz. In der Regel kommen in vielen Gegenden die Kinder zwei Jahre vor dem Kindergarten in die Spielgruppe; im ersten Jahr zwei Stunden die Woche, im zweiten zwei mal zwei Stunden. Da bekommen sie einen ersten Einblick in das Leben nach den Regeln anderer, basteln Geschenke zu Weihnachten/Valentinstag/Muttertag. Das ist Privat und kostet Geld; je nachdem eine ganze Stange.

Wo ich wohne, sind diese zwei Stunden mit drei Jahren oft der erste Kontakt mit einem «fremden System». In der Spielgruppe wird meist frei gespielt und zusammen ein Znüni/Zvieri gegessen. Schulvorbereitung wird nicht betrieben. Wer sich über die Reife seines Kindes nicht klar ist, kann die Spielgruppenleiterin fragen, aber das ist in keinster Weise bindend und geschieht nur auf eigenem Wunsch.

Nun ist es so, dass nicht alle Mütter nicht ausserhalb der eigenen vier Wände arbeiten. Wer arbeiten will/muss/soll hat nur zwei Möglichkeiten: Selber organisieren oder Krippe. Wo ich wohne, sind Krippen rar; viele Familien sind selbst organisiert. (Es wird mit der Schulzeit nicht besser: Hier gibt es «nur» Mittagstisch. Weder vor- noch nachschulische Betreuung.)

Unser Laptop für die Kinder ist ein iwood

Krippenplätze sind nach Einkommen subventioniert, die Wartelisten lang. Weil die Mütter meist nur Teilzeit arbeiten, geht oft der ganze Lohn für den/die Krippenplatz/Krippenplätze drauf. In fast jedem Fall (man munkelt, in einkommensreichen Gegenden der Schweiz werden Kinder auch einfach in der Krippe abgestellt, damit die Frauen in Ruhe Shoppen/Haarelegen/Pedicuren können) werden Kinder im Vorschulalter nur dann aushäusig betreut, wenn die Mutter – es ist fast immer sie! – auch wirklich für Geld arbeitet.

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Den Rest der Zeit – oder im Falle der Mütter, die nicht für Geld arbeiten, 24/7 – verbringen die Kinder mit der Mutter/dem Vater/beiden Elternteilen. Und jetzt kommts: Ohne schlechtes Gewissen! Ohne Plan. Die Schweizer Durchschnittsmutter hat die Tage nicht in Malen/Freundetreffen/Gestalten/Wald/Nameit eingeteilt. Die Schweizer Durchschnittsmutter lebt in den Tag hinein und das Kind/die Kinder mit. Natürlich gibt es «Pflichten»: Waschtag etwa, Wocheneinkauf, nameit. Aber ansonsten gibt es nichts. Kein erzwungenes Malen nach Zahlen, das Üben von Kreisen für späteres Schreiben können, rein gar nix. Das einzige, das ich diesbezüglich jemals mit meinen Kinder getan habe, ist Lieder singen mit Rhythmusinstrumenten, einfach weil ich das gerne mache und mit Küchenkonzerten gross geworden bin. Seit wir das Klavier haben, setzt sich vor allem der Jüngste ab und zu hin und spielt alleine oder mit seinen Freunden Klangstücke à la «Peter und der Wolf».

Die Siedlung, in der ich wohne, ist so gebaut, dass eine Sackgasse hineinführt, an deren Ende ein Spielplatz liegt. Die Kinder bewegen sich innerhalb dieser Siedlung frei (zwei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 16 Wohnungen, darum herum Ein- und Zweifamilienhäuser) und sehr oft im Rudel durch die ganzen Gärten. Sowohl meine Tochter als auch mein jüngerer Sohn waren schon mit zwei Jahren alleine draussen. Ich habe sie nicht immer gesehen, und manchmal wusste ich auch gar nicht wo sie gerade sind. Sie hatten – und haben immer noch – schon früh ganz viel Zeit ohne Erwachsene.

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Glücklicherweise gibt es in der Siedlung zwei Jungs, die den gleichen Jahrgang wie mein Jüngster haben. Vor allem mit dem einen ist er phasenweise dick befreundet, er ist auch oft bei ihm oder er bei uns. Dann spielen sie Rollenspiele mit Playmobil und reden dazu unglaublich süsses Hochdeutsch. Oder sie spielen Schule mit der grossen Schwester oder gumpen auf dem Trampolin. Wie sie wollen.

Mittlerweile ist auch mein Jüngster im Kindergarten. Ich arbeite meist wenn er weg ist; im ersten Kindergartenjahr ist nur der Donnerstagnachmittag auch Kindergarten. Das ist der Tag, an dem sie immer an den Mittagstisch gehen. Meist lege ich meine geschäftlichen Termine auf Donnerstag; manchmal geniesse ich es aber auch, zwei drei Stunden ohne Unterbrechung irgendeiner Tätigkeit nachzugehen.

An den anderen Tagen ist er am Nachmittag zu Hause. Beziehungsweise könnte er theoretisch zu Hause sein; meist ist er bei Freunden, die cooleres Spielzeug haben als er oder draussen beim Spielen. Am Montagabend geht er ins Kinderturnen, am Donnerstagabend hat er Schwimmen.

Bisher sind keine Defizite wegen fehlender Förderung vor dem Kindergarten aufgefallen.

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10 Comments

  1. Lisa

    Hallo,

    ich bin über diesen Artikel gestossen und würde gerne meine Meinung hierzu geben, als deutsche Pädagogin, die nun in der Schweiz (Zürich) arbeitet. Die Pädagogik der Schweiz ist 10 Jahre zurück, verglichen mit Deutschland und ich würde gerne etwas aufklären und von dem utopischen Gedanken über die Kindheit in der Schweiz etwas aufräumen…

    Ich denke nach wie vor, dass nichts was die Schweiz betrifft, verallgemeinert werden kann und darf, da jeder Kanton und teilweise auch jede Kommune alles anders regelt. Im Kanton Zürich beginnt die Kindergartenstuffe mit 4 Jahren und ist Pflicht. Davor haben die Kinder, wenn es die finanzielle Lage der Eltern zulässt, die Möglichkeit Kitas oder Spielgruppen zu Besuchen. Im Kindergarten angekommen sind die Erwartungen an das Kind gross. Die Stadt Zürich hat sogar ein Infoblatt mit dem Titel „Voraussetzungen für den Kindergarten: Ist mein Kind bereit für den Kindergarten?“ veröffentlicht. Die Kindergartenlehrpersonen sind überfordert mit knapp 25 4jährigen, die alle unterschiedliche Voraussetzungen haben und teilweise gar nicht die Landessprache sprechen. Den die Kinder mit Migrationshintergründe oder aus sozial benachteiligten Familien zeigen deutliche Defizite auf. Somit ist die Chancengerechtigkeit von Anfang an nicht gegeben!

    Mutterschaftsurlaub beträgt genau 14 Wochen, danach müssen die Mütter arbeiten gehen und wie im Text beschrieben, lohnt es sich oft nicht das Kind in einer Kita unterbringen zu können, da der Platz so viel kostet, wie die Mutter verdient. Elternzeit gibt es nicht und Väter haben Glück, wenn sie mehr als ein Tag Urlaub bekommen. Und von der Qualität der Kitas brauche ich nicht anfangen zu erzählen. Ich habe insgesamt bestimmt 30 Kitas in der Schweiz beobachtet und in ihrer Qualität eingeschätzt und die Ergebnisse waren miserabel. Die Schweiz müsste viel mehr in die Frühe Kindheit investieren, den Eltern Möglichkeiten bieten, um ihre Kinder besser zu fördern und Unterstützung bekommen, damit die Chancengerechtigkeit eine Chance hat und Mütter auch die Möglichkeit haben, wie es hier so schön im Text beschrieben worden ist, ihr Kind zu unterstützen bis es in den Kindergarten kommt. Der Kindergarten ist nur Vormitags, sodass Mütter, die Vollzeit arbeiten, sich auch hier Lösungen suchen müssen, ihr Kind irgendwo unterzubringen…

    Rachel, ich finde es super, dass du deinen Kindern es ermöglicht hast so viel Zeit in der Natur zu verbringen und auch die Zeit mit ihnen genossen hast. Ich möchte das genauso machen! Aber für Familien, die nicht diese Chance haben, die ihre Kinder nicht so fördern können wie du (Schwimmen, Spielen mit Freunden, Lieder singen) ist dies ein grosses Defizit und gibt von Anfang an diesen Kindern nicht die gleichen Voraussetzungen und Grundlagen, um die Schule erfolgreich zu meistern!!

    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Lisa

  2. fraurage

    liebe lisa, die mütter hier im dorf, die das jetzt lesen, lachen sich glaubs kaputt – die mutter, die du hier beschreibst, bin ich nicht. 😀 ich schreibe nochmals: warum ich das beschrieben habe, unsere situation, ist, dass ich fest gestellt habe, dass es in deutschland eine bewegung gibt, die sich kindergartenfrei nennt – und dass sich das bei vielen mit einer art schlechtem gewissen und aktionismus zeigt. diesen müttern wollte ich sagen: es ist unnötig. diesbezüglich ist die schweiz nämlich vorreiterin, weil das bei uns schon lange praktiziert wird. nicht von allen, natürlich. und diejenigen, die nicht arbeiten – wozu ich wie erwähnt nicht gehöre – machen keine förderungstagesprogramme für ihre kinder wie im text beschrieben (natürlich gibt es ausnahmen, wo das nötig wäre, aber so ist das bei themen: es gibt immer ausnahmen). und: in der regel geht das kind nur in die krippe, wenn die mutter gegen lohn arbeitet. ebenfalls wiederholung: das bullerbü-leben im bündner rheintal ist ein segen, aber auch ein zufall, dass es uns hierher verschlagen hat. wir wohnten vorher am zürichsee, auch mit kindern, und da war die akzeptanz, dass man die kinder, wenn man arbeitet, in eine krippe gibt, bedeutend höher. muss man damit leben. zum schwimmen und turnen: schwimmen find ich pflicht. den rest können sie freiwillig. hier in graubünden wird sport gross geschrieben, auch wintersport. machen nicht alle – sport meini -, aber viele. in graubünden haben die kindergartenkinder zum beispiel jedes jahr eine skiwoche (hier: immer am nachmittag, anreise mit car). die ist nicht obligatorisch, wird aber von den meisten genutzt und brutal subventioniert, was ich super finde.

  3. Anne

    Hallo zusammen, auch ich finde das einen sehr irreführenden Bericht. Irgendwie hat es den Beigeschmack von „selbst Schuld, wer das Kind in die Kita gibt.“ Das spiegelt für mich auch absolut nicht „die schweizer durchschnittsmutter“ wider.

    Selbst leben wir seit 6 Jahren in der Schweiz, unser 14-Monate-alter-Sohn geht seit er 6 Monate ist in die Krippe. Ich habe einen Job als Personalentwicklerin und arbeite nun 60%,
    sehr, sehr grosse Teile meines Lohnes gehen an die Kita. Trotzdem finde ich es wichtig dass unser Sohn, der eher schüchtern ist, in die Krippe geht. Es geht für uns um
    Integration (Sprache und Kultur), die ausserfamiliären Anreize und Bindungspersonen. Die Bedingungen sind prima, 3 Kinder ab 1 pro Betreuerin, bis 1 Jahr nur 2. Wir merken dass ihm der Tumult und die anderen Kinder fehlen, ich gehe an den 2 Mamatagen immer in alle möglichen Spielplätze sowie auch Spieleckwn der Einkaufszentren. Er liebt es die anderen zu beobachten und den ganzen Tag nur Mami und Kind daheim? Das ist für ihn einfach langweilig, er wird richtig grantig. Nach der Krippenist er ausgepowert und fröhlich. Warum ich das erzähle? Weil ich denke eine Kita (heisst hier Krippe) kann auch das fehlende Netzwerk an Verwandschaft, Freunden (tja, die anderen gehen auch alle arbeiten) und Grosseltern auffangen… Ich habe schon einmal dran gedacht aus finanziellen Gründen aufzuhören zu arbeiten. Aber mein Mann und ich möchten dass unser Sohn in die Krippe kann.

    Und der „Kinsgi“ (Kindergarten) ist in Basel und Bern auch ab 4 Jahren verpflichtend. Mit recht, wie ich finde. Es bereitet die Kinder langsam und spielerisch auf die Schule vor. Sprachliches Niveau wird angepasst, man gewöhnt sich daran Teil eines ausserfamilären Kollektives zu sein, selbständiger zu werden.

  4. Alina

    Ihr zwei,
    Ganz toller Blickwinkel und mal wieder die Bestätigung, den Stress machen wir uns. Statt mit dem wie wir Leben zufrieden zu sein, kommt immer wieder die Frage: Ist das denn nun wirklich gut? Die anderen machen es immer hin anders. Als mein Sohn nicht sprechen wollte, habe ich selbst irgendwann angefangen zu glauben, es ist der fehlende Kitaplatz, dass er aber zwei paukenergüsse hatte und nichts gehört hat, bestätigt mich nun wieder darin anderen den Mut zuzusprechen und ihnen zu sagen, vertraut auf euer Gefühl. Ich freue mich, dass Samuel ab August einen Platz hat. Allerdings ist dieser im Waldkindergarten. Also nicht sehr lang und auch ganz anders. Ich denke, das ist unser Weg und der ist gut.

    Danke für den Einblick in die Schweiz. Es tut immer gut zu lesen, wie es irgendwo anders ist.
    Alina

  5. Jana

    Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie es so in anderen Ländern ist. Man nimmt ja oft das, was man hat als selbstverständlich und ärgert sich noch hier und da.. deshalb hilft es immer wieder über den Tellerrand zu blicken!
    Danke dafür!

    Viele Grüße
    Jana

  6. Sarah Lojewski

    Hallo Rachel,

    vielen Dank für den Bericht. Hier in den Niederlanden sieht das alles noch mal ganz anders aus. Ich finde es nur immer wieder interessant, dass dieses Thema immer wieder so viel aufwühlt, egal in welcher Nation sich das gerade abspielt. Immer fühlt sich irgendwer von irgendwem auf die Füße getreten. Ich möchte dir nur sagen, dass ich aus deinem Artikel in keinster Weise eine Wertung oder Tendenz gelesen habe, was nun der richtige Weg ist. Du hast es gut beschrieben und hast auch einleitend beschrieben, dass es überall in der Schweiz anders gemacht wird.

    Als Sozialpädagogin kann ich natürlich den Einwand der fehlenden Chancengleichheit verstehen, da sollte es zumindest für die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf eine andere Alternative geben. Aber kein System ist perfekt. Ich finde es einfach interessant zu lesen wie das bei euch so gehandhabt wird. Danke für den Einblick

    Sarah

  7. Mama mal 3

    Ich ergänze noch mit Liechtenstein. Wir sind „ausgewandert“ in die CH, wo die „Schulpflicht“ mit 4 Jahren beginnt, dem Kindsgi eben. In Liechtenstein, dem Nachbarland, wird es noch lockerer gehandhabt, man kann sein Kind nämlich „zurück behalten“ wenn man denkt, es sei besser. Das machen dort viele Mütter und schicken das Kind erst mit 5 in den Kindsgi – so what? Schnell sind sie mit den anderen gleichauf… ob Kita ja oder nein, muss jeder selber entscheiden. Finanziell lohnt es sich wirklich nicht, aber manche Mutter verzichtet ungerne jahrelang auf ein Berufsleben. Und es gibt auch gute Kitas oder Tagesmütter. Letztendlich finde ich es gut, wenn man schaut, wie es dem Kind dabei geht… es gibt Kinder, die gehen sehr gerne in die (Fremd)betreuung, andere leiden wirklich darunter. Da bietet sich dann eine private Lösung an, sofern irgendwie machbar…

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