Idas Geburt

Lesezeit: 4 Minuten

Als die erste Wehe einsetzt sitze ich beim Abendessen mit meinen Eltern und meiner Schwester beim Italiener in Hamburg. Es sind noch 2 Tage bis zum Stichtag und wir sind 200 km von meinem Wohnort, meinem Wunschkrankenhaus und meiner Hebamme entfernt. Mein Mann ist beruflich in Estland und wird nicht vor morgen Abend in Hamburg landen.

Was tut man, wenn die ersten Wehen einsetzen, es aber zeitlich noch gar nicht passt? Richtig, man verhält sich unauffällig und hofft, es geht vorbei. Nur meinem Mann erzähle ich abends von den Wehen.

Am nächsten morgen sind die Wehen weg, aber als wir beim Bäcker frühstücken und ich beim auf die Toilette gehe, hat sich der Schleimpfropf gelöst. Jetzt kommt doch Angst auf. Ich rufe meine Schwester (bis dato zweifache Mutter) an und frage, ob es jetzt los geht. Sie beruhigt mich, aber wir wissen beide: Lange wird es nicht mehr dauern.

Nachmittags setzen die Wehen wieder unregelmäßig ein. Es ist Dezember und fast zeitgleich fängt es an in dicken Flocken zu schneien.  Als mein Mann abends in Hamburg landet, habe ich alle 15 Minuten Wehen und alle Erwachsenen sind sich einig, dass wir heute Abend nicht wie geplant nach Hause fahren werden. Meinen Mann vom Flughafen abholen darf ich auch nicht mehr und so starre ich ständig auf die Uhr.

Endlich ist mein Mann bei mir und alle sind aufgeregt, angespannt und nervös. Gegen 23 Uhr fahren wir zum Krankenhaus, denn die Wehen sind geblieben und kommen mittlerweile alle 10 Minuten. Ich komme ans CTG. Meine Schwester und mein Mann beobachten schaulustig den Wehenschreiber, doch bei der Untersuchung ist der Muttermund erst 1 cm geöffnet. Das Krankenhaus überlässt es uns, ob wir dort bleiben, oder wieder nach Hause gehen. Ich höre innerlich die Stimme meiner Hebamme:“Bleib so lange es geht zu Hause!“

Die Nacht ist wieder ruhig, wir beschliessen nach dem Frühstück nach Hause zu fahren. Mittlerweile liegt 12 cm Schnee, aber es schneit nicht mehr und die Autobahnen sind frei. Pünktlich zur Abfahrt setzen die Wehen wieder ein. Vielleicht warten wir doch ein wenig.

Mittags gehen wir wieder ins Krankenhaus. Die Wehentätigkeit ist stärker geworden, aber der Muttermund hat es nur auf 2 cm geschafft. Wieder höre ich meine Hebamme, die uns als Richtwert sagte: 1 Stunde für 1 cm. Uns bleiben mindestens 8 Stunden bis es los geht. Also beschließen wir schleunigst loszufahren.

Wir schaffen es nach Hause, essen sogar noch etwas, als die Wehen wirklich stark werden. Mein Mann bietet an Schmerzmittel von der Apotheke zu holen, aber ich glaube nicht, dass eine Apotheke das hat, was ich jetzt brauche.

Die 20 minütigen Fahrt zum Krankenhaus halte ich kaum aus. Schmerzgekrümmt erreiche ich den Kreissaal. Es ist 22 Uhr am Stichtag, das Krankenhaus ist ganz leise und ruhig und ich weiß hier ist der perfekte Ort für mich und das Baby. Ich werde untersucht und der Muttermund ist 6cm geöffnet. Kurz glaube ich den Helden spielen zu müssen und verneine Schmerzmittel, dann merke ich, dass ich hier niemanden etwas beweisen muss und bitte doch darum.  Und mit dem Schmerzmittel geht es mir gleich besser. Ich frage die Hebamme, wie ich die Geburt beschleunigen kann und sie sagt: „Am besten Treppen steigen“ Also steige ich Treppen. Ich bin dabei wie im Rausch. Wehe aushalten, Stufe, Stufe,Stufe,Stufe,Stufe, Wehe aushalten, Stufe, Stufe, …

Dann hab ich Durst und mein Mann lässt mich auf den Stufen sitzen um Wasser zu holen. Ich trinke die ganze Flasche und muss auf die Toilette. Also zurück in den Kreissaal. Auf der Toilette merke ich, dass ich blute. Ich muss recht lange dort gesessen haben, denn die Hebamme und mein Mann rufen von draußen rein, ob alles OK ist.

Als die Hebamme hört was los ist, holt sie mich ab. Zum Glück habe ich nicht abgeschlossen. Es ist 23:30, mein Muttermund ist 9 cm offen und die Hebamme sagt scherzend: „Vielleicht schaffen wir es noch am Stichtag.“

Das liegen und die Ruhe tun mir nicht gut und ich verfalle ins Schmerzdelirium. Ich höre nur „in die Badewanne“ und sage ganz heftig, dass ich das auf gar keinen Fall will.

Alles verschwimmt im Nebel und ich bin ganz allein mit dem Schmerz. Meine Fruchtblase platzt.  Auf einmal kommt die Hebamme ganz dicht an mein Gesicht, fragt wie ich mit Vornamen heisse und sagt:“Katja, ich bin Anja! die Herztöne von deinem Baby sind nicht gut. Du musst dich jetzt konzentrieren und genau das machen was ich sage! Wir schaffen das, aber du musst dich jetzt auf mich konzentrieren!“

Auf einmal ist der Nebel weg und ich bin ganz klar. Ich atme, als ich atmen soll, ich presse, wenn ich pressen soll und all das ist gar nicht schwer. Ich denke, wie unglaublich diese Presswehen sind und wie der Körper arbeitet und mithilft um dieses Baby auf die Welt zu bekommen. Nach der 1. Presswehe kommt der Arzt, nach der 3. ist Ida geboren.

Es ist 0:10 – nicht ganz Stichtag.

Mama mit neugeborenem im Arm

Bildrechte: Katja /Mamatized.com
„Auch das Bild ist für mich ein ganz besonderes. Es ist das erste von uns als Eltern und wurde noch im Kreissaal geschossen, nur die Uhr war noch nicht eine Stunde zurück gestellt.“

Danke liebe Katja für eure wunderbare Geburtsgeschichte! Danke das du deinen Geburtsbericht mit uns teilst. Und ich wäre vermutlich einfach im Krankenhaus in Hamburg geblieben. Aber ich bin ja auch Hamburgerin….

Mehr von Katja könnt ihr auf ihrem Blog Mamatized lesen, den ich euch nur ans Herz legen kann!

Andere Geburtsberichte findet ihr hier, hier, hier, hier, hier und hier.

By | 2017-06-25T17:02:30+00:00 24. Januar 2017|Categories: Geburtsbericht|4 Comments

About the Author:

Katarina (32) ist die Mama von Motti (*2012) und Wawi (*2013) sowie Nini (*2013), dem Dino (*2017) und wohnt in der Nähe von Hamburg mit vielen Kühen als Nachbarn. Virtuell zu finden auf Instagram, Facebook und auf Pinterest.

4 Comments

  1. Kathrin am 26. Januar 2017 um 09:22 Uhr - Antworten

    Ich liebe alle Geburtsberichte. Danke, dass du sie für uns sammelst und online stellst 🙂

  2. Mihaela am 26. Januar 2017 um 15:28 Uhr - Antworten

    Ich finde Geburtsgeschichten so aufregend! Als ob es gestern war, als ich meine Schätzchen das erste Mal sah… Solche Momente vergisst man nie! <3

    Liebe Grüße
    Mihaela

  3. JesSi am 26. Januar 2017 um 19:36 Uhr - Antworten

    Was für ein bewegender Bericht. Ich hab Gänsehaut und Tränen in den Augen. Hach wie wunderbar.

    Ich liebe diese Rubrik sehr.

    Drück die Mädels von mir
    JesS

  4. […] Geburtsberichte findet ihr hier: Ida, Phil, Zoi, Alana, Carlotta, Mathilda, Emilia und […]

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